Plagiate

Keine Chance für Produktpiraten

Unternehmen können sich durch technische Schutzmechanismen absichern
Martin Kokoschka vom Heinz-Nixdorf-Insitut der Universität Paderborn: „Für die Unternehmen geht es vor allem darum, geeignete Maßnahmen zu identifizieren.“ (Bild: Fladerer)
Zwei Drittel der deutschen Unternehmen sind von Plagiaten betroffen. Der wirtschaftliche Schaden durch nachgemachte Produkte beläuft sich auf mindestens 30 Milliarden Euro pro Jahr. Diese auf Erhebungen des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) basierenden Zahlen stellte Martin Kokoschka vom Heinz-Nixdorf-Insitut der Universität Paderborn im Rahmen eines Seminars „Vorsicht Plagiate“ vor, zu dem die IHK-Innovationsberatung Hessen in die Frankfurter Börse eingeladen hatte.

Die Folgen von Plagiaten sind nach Kokoschkas Schilderung, der für das Projekt Conimit (Contra Imitatio) sprach, einerseits Umsatzeinbußen, andererseits Haftungs- und Imageprobleme. Dabei seien die Firmen Produktfälschern alles andere als hilflos ausgeliefert: „Es gibt sehr viele Schutzmaßnahmen gegen Produktpiraterie. Für die Unternehmen geht es vor allem darum, geeignete Maßnahmen zu identifizieren.“ Dabei sei eine aktive Strategie durch das Ergreifen von technischen Maßnahmen die beste Vorbeugung gegen Fälschungen. Darüber hinaus sollten sich Unternehmen auch rechtlich durch Maßnahmen wie Geschmacks- oder Gebrauchsmusterschutz absichern. Ein wichtiger technischer Schutzmechanismus ist die Möglichkeit, Produkte und Prozesse so zu gestalten, dass Fälscher einen deutlich größeren Aufwand betreiben müssen. „Technische Maßnahmen gegen Produktpiraterie können nie 100-prozentig sein“, sagte Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems. Allerdings könne der Schutz so gestaltet werden, dass sich der Aufwand für einen Fälscher nicht mehr lohnt.

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Spezielles Fett schützt Spindeln vor Fälschern

Ein praktisches Beispiel für diese Art von Plagiatschutz lieferte Philipp Kuske vom Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) der Technischen Universität Darmstadt anhand der Fertigung von Galettenspindeln für Spinnanlagen. Für diese verwendet Oerlikon Barmag ein spezielles Fett für die Lagerung, das nicht im Handel erhältlich ist. Der Spezialschmierstoff ist verhältnismäßig teuer, senkt aber die Lebenszykluskosten, weil er eine Lebensdauerschmierung der Lager ermöglicht. Die Imitatoren waren zunächst gar nicht in der Lage, das Fett zu identifizieren, was eine drastisch verringerte Lebensdauer der nachgemachten Komponenten zur Folge hatte. Nachdem die Produktpiraten die Zusammensetzung des Schmierstoffes in Erfahrung gebracht hatten, scheiterten die Versuche, das Fett auf dem freien Markt zu beziehen. Der Grund: Oerlikon hatte exklusive Lieferverträge mit dem Lieferanten abgeschlossen. Diese so genannte De-Standardisierung führt zur Schaffung eines Alleinstellungsmerkmals. Darüber hinaus verwendet Oerlikon Barmag keine Standardlager, sondern spezielle Hochleistungslager, die ebenfalls nicht „von der Stange“ gekauft werden können, die aber die Lebensdauer der Spindeln zusätzlich erhöhen.

Ein weiteres Beispiel, wie Produktpiraten durch effektivere Montageprozesse das Wasser abgegraben werden kann, liefert Sennheiser. Das Unternehmen hatte in den 1990-er-Jahren eine Produktion in China aufgebaut, die schnell zu einem Keim für Plagiate wurde. Erst die erhöhte Reklamationsrate machte die Verantwortlichen in Deutschland auf das Problem aufmerksam. Sennheiser griff radikal durch, schloss seinen chinesischen Sitz und modernisierte das deutsche Stammwerk. Durch hochwertige Automatisierung in der Montage erreichte das Unternehmen, dass die Original-Funkmikrofone billiger angeboten werden konnten als die Kopien.

Wie solche Veränderungen in Prozessen zugleich den Plagiatschutz sicherstellen können, untersucht das Projekt Pro Original, das unter anderem vom VDMA getragen wird. Internationale Größen wie Siemens, Festo oder Kasto sind daran beteiligt. Festo nutzt für einige Systeme beispielsweise eine Zerlegung in Komponenten und fertigt unkritische Teile in unsicheren Ländern, die wichtigsten aber nur in Deutschland und den USA.

Mikromuster macht Teile fälschungssicher

Die zweite bedeutende technische Möglichkeit, einen Plagiatschutz zu gewährleisten, ist die Kennzeichnung von Produkten und Systemen, beispielsweise durch die Signatur mittels Epicode. Dabei handelt es sich um ein mikroskopisches Muster, das nicht kopiert werden kann, weil es die natürliche Oberflächenstruktur der markierten Objekte und mikroskopische Schwankungen des Markierprozesses mit einbezieht.

Hilti nutzt eine andere Kennzeichnungsmöglichkeit: RFID (Radio Frequency Identification). Das Unternehmen setzt Funkchips zum Schutz seiner Bolzenschussgeräte vom Typ GX120 ein. Der RFID-Chip stellt nicht nur sicher, dass immer nur Original-Kartuschen in die Geräte eingesetzt werden, er speichert auch zugleich den Füllstand der Kartuschen und berechnet die optimale Gasmenge für den nächsten Bolzenschuss, steigert also die Qualität der Arbeit.

Der Trend zur Standardisierung mache Produktpiraten die Arbeit leichter, erklärte Oliver Winzenried von Wibu-Systems. Sein Unternehmen beschäftigt sich mit dem Schutz von Hard- und Software. Der Unternehmer empfiehlt nicht kopierbare Hardwarekomponenten in Verbindung mit speziell gesicherter Software als guten Schutz gegen Plagiate. Winzenried und sein Team rücken Nachahmern mittels kodierter Sicherheitskomponenten, die auf Datenträgern wie SD-Cards oder USB-Sticks gespeichert und in Computersysteme eingebaut werden, zu Leibe. Die Datenträger können unter anderem Zugriffsrechte enthalten, die die Nutzung von Produktionsdaten auf eine bestimmte Stückzahl beschränkt. Versucht ein Zulieferer, mit den vom Auftraggeber gelieferten Daten „schwarz“ noch mehr als die vereinbarte Menge herzustellen, kappt das System den Zugriff und der Schwindel fällt auf.

Plagiate sind übrigens nicht nur ein Problem von asiatischen oder osteuropäischen Ländern: Nach Angaben des VDMA wird fast ein Fünftel (19 Prozent) aller Plagiate in Deutschland hergestellt. Damit liegt unser Land international auf Platz zwei – nach China, das mit 71 Prozent einsam an der Spitze liegt. Bei den Absatzmärkten sieht das Bild ähnlich aus: Platz 1 belegt China vor Deutschland.

Frank Fladerer

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