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Medienforschung„In Menschen investieren“

Dieses Motto begleitet Caja Thimm beruflich ebenso wie in ihrem Privatleben. Und es wurde zum Wahlkampfslogan: Die Hochschullehrerin und zweifache Mutter kandidierte bei der Bürgermeisterwahl in Heidelberg.
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Medienforschung: „In Menschen investieren“
Interview mit Professor Dr. phil. habil. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und stellvertretende Geschäftsführende Direktorin
des Instituts für Kommunikationswissenschaften der Rheinischen Universität Bonn.

Frau Professor Thimm, in einer Biographie las ich einmal, eine C4-Professur sei das Tollste, was einem in Deutschland passieren kann. Was motivierte Sie, für das Amt der Oberbürgermeisterin in Heidelberg zu kandidieren?

Es sind vor allem zwei Themen: Kommunalpolitik ist „an den Leuten dran“. Mich reizt der Ausgleich und die Bündelung von unterschiedlichen Interessen. Zudem ist Oberbürgermeister/in ist auch ein höchst kommunikativer Beruf. Und ich möchte Heidelberg etwas zurückgeben, ich will für uns alle eine lebenswerte Stadt. Die „Stadt am Fluss“ hat baulich und landschaftlich ein ganz besonderes Flair. Und bei genauerem Hinsehen kann man feststellen, dass es hier ein außergewöhnlich starkes Bürger-Engagement gibt.

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In der Rhein-Neckar-Region hat Heidelberg – verglichen mit Mannheim oder Ludwigshafen – hohe Immobilienpreise, die bekanntlich am Markt gebildet werden. Was kann die Stadt unternehmen, um für alle Mitbürger/innen bezahlbares Wohnen zu ermöglichen?

Ein Kernthema des Wahlkamps war der künftige Stadtteil „Bahnstadt“. Mein Konzept : Die Kommune kauft das Gelände, sie hat dadurch auch Einfluss auf die Grundstückvergabe. Das heißt, die Stadt kann den Grundstückspreis mitbestimmen und Eigeninitiative belohnen, zum Beispiel durch genossenschaftliche Modelle. Erfolgreiche Beispiele hierfür gibt es bereits in Tübingen und Freiburg.


Sie haben im Wahlkampf durch den Einsatz neuer Medien insbesondere junge Wähler adressiert – und konnten hier mit Podcasts klar punkten. Sie nannten ihren Podcast „Schlaflos in Heidelberg“ und nutzten damit den Wiedererkennungswert des bekannten Podcasts „Schlaflos in München“ von Annik Rubens.

Die Tage des Wahlkampfes waren für uns tatsächlich oft schlaflos. Natürlich wollten wir damit vor allem die Studentinnen und Studenten in Heidelberg ansprechen. Jedoch verfolgten auch die Anhänger des Gegenkandidaten sehr aufmerksam meine Podcasts.


Wird es eine Fortsetzung geben?

Die Produktion von Podcasts macht Spaß, muss aber eine persönliche Handschrift haben und interessante Themen bieten und ist durchaus personalintensiv. Man muss auch sehen, wo sich das hin bewegt; das Internet und seine Communities ist nicht steuerbar. Wir sind noch am überlegen, wie es weitergeht.


Frau Professor Thimm, im Wahlkampf erwähnten Sie, dass die Einnahmen der Stadt vorwiegend aus der Einkommensteuer zustande kommen, weniger aus der Gewerbesteuer.

Ja, diese Einnahmen beruhen überwiegend auf Steuer-Ausgleichszahlungen, nicht zuletzt durch die zahlreichen Beschäftigten der Universität. Auch das ist ein wichtiger Grund für meine Forderung, dass wir verstärkt in Bildung – also in Menschen – investieren müssen.


Bildung und Arbeit bedingen einander. Welche besonderen Erfahrungen in der Abeitswelt haben Sie – aus Frauensicht – gewonnen?

Ich bewege mich in einer strukturell stark durch männliche Rituale geprägten Umgebung. So ist die Habilitation die wohl ritualisierteste Form des Miteinanders, die ja nun für viele Fächer aber nicht mehr so aussagekräftig ist.


Welche Gegebenheiten sehen sich Frauen im Berufsleben heute konfrontiert?

Anders als bei Männern spielt das Aussehen eine viel zu große Rolle, denken Sie an Frau Merkel. Was die Universität angeht – da bin ich nicht zu optimistisch, dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Das gilt insbesondere bei Berufungen auf eine Professur, es geht sehr langsam vorwärts mit dem Anteil an Professorinnen. Besonders schade finde ich, dass so wenige Hochschullehrerinnen Kinder haben, da läuft etwas ganz falsch bei uns.


Heute ist allgemein anerkannt, dass Softskills im Berufsleben eine wichtige Rolle spielen. Dabei gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Männern wird analytisches Denken und Durchsetzungsvermögen zugeschrieben, Frauen soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Ist das der zeitgemäße Führungsstil?

Das wird schon seit vielen Jahren gesagt. Ich halte das für einen Irrtum, ein positives, aber verzerrendes Bild. Auch Männer können sozial führen, wenn sie das wollen. Für die Zukunft wird es wichtig sein, medial basiert führen zu können, also „Führen auf (räumliche) Distanz“ im unserer globaliserten Wirtschaftswelt. Da könnten sich neue Stärken für die Frauen ergeben.


Wie sind die Geschlechter an der Universität verteilt?

An der Philosophischen Fakultät lehren etwa 110 Männer und zehn Frauen. Der Männeranteil beträgt also circa 92 Prozent. Beim Mittelbau ist es dagegen fast ausgeglichen, zumindest in unserer Fakultät. Auch bei den Promotionen haben die Frauen zugelegt.


handling: Und wie sieht das Verhältnis bei den Studierenden aus?

Gegen Ende des Studiums ist das Verhältnis beider Geschlechter in der Fachrichtung Medien sehr ausgewogen, etwa 50 zu 50. Wir bekommen jährlich circa 2.000 Bewerbungen auf 70 Studienplätze. Die Medienwissenschaft ist das beliebteste Studienfach an der Universität Bonn!

handling: Wie gestalten sich die Berufsaussichten der Absolventinnen und Absolventen?

Die Berufsaussichten sind hervorragend! Zum Magisterprüfung haben vier von fünf meiner Studierenden bereits einen Job in der Tasche: in der Unternehmenskommunikation oder als Pressesprecher, als Redakteurin einer Verbraucherzeitschrift, beim Rundfunk, bei einer Film- oder TV-Produktionsgesellschaft, bei einem Consulting-Unternehmen oder selbständig mit einer eigenen Online-Firma.

Man kann heute beobachten, dass das Alter der Erstgebärenden in Deutschland zunehmend steigt. Bei karriereorientierten Frauen liegt es nicht selten irgendwo Mitte/Ende 30. Muss das so sein?

Heute ist das Durchschnittsalter ja schon bei 29 Jahren! Man kann Kinder aber auch während des Studiums bekommen, das geht durchaus. Ich versuche, für die Studentinnen ein Vorbild zu sein, sie zu ermutigen. Ich bekam meine erste Tochter mit 29, am Ende meiner Promotion, die Zweite währen der Habilitation mit 34. Mein Mann und ich hatten zu dieser Zeit jeweils eine halbe Stelle, es war finanziell nicht einfach. Die Kinderbetreuung lässt sich aber durchaus organisieren. Man muss es ganz klar sagen: Kinder dürfen kein Hindernis für eine wissenschaftliche Karriere sein, da müssen wir dran arbeiten!

Das Gespräch führte Gunthart Mau.

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