Materialwirtschaft

Planung optimieren

Materialwirtschaft braucht Anpassung der Systeme
Ludger Schuh: Es geht darum, die Erholung nach der Krise nachhaltig im Blick zu behalten.
In der Krise waren Aufträge Mangelware. Seitdem weite Teile der Wirtschaft global wieder kräftig anziehen, zeigt sich ein weiterer Mangel: Rohstoffe werden knapp. Vereinzelt stehen wegen Nachschubproblemen sogar Bänder still. Materialwirtschaft wird zum Point of Strategy.

Bestandsoptimierung, also die konsequente Bestands- und Sortimentsoptimierung unter Wahrung der Versorgungssicherheit, wurde im Rahmen der Studie „Materialwirtschaft nach der Krise“ als Top-Thema für das Jahr 2011 identifiziert, denn so schnell die Stimmung in den Unternehmen umgeschlagen ist, so schnell haben sich auch die Problemstellungen und Anforderungen für die Verantwortlichen in der Materialwirtschaft verändert.

Inform als Institut für Operation Research und Management in Aachen hat 117 Entscheider aus Industrien, in denen die Materialwirtschaft eine besondere Rolle spielt, nach den neuralgischen Punkten in der Materialwirtschaft für die kommenden zwölf Monate befragt. Überrascht hat, dass die Befragten massiven Veränderungsbedarf weniger auf der Ebene genereller Unternehmens- und Bereichsstrategien lokalisierten; vielmehr war es die steigende operative Komplexität, die bestehende Systeme und Strukturen überfordert. Darüber hinaus wurden die dramatisch abnehmende Prognostizierbarkeit der Märkte sowie die zunehmend anspruchsvolle Steuerung globaler Wirtschaftsketten als zentrale Herausforderungen für 2011 ausgemacht.

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„Im Jahr Zwei nach der Krise gilt es, die rasant eingetretene Erholung fest und nachhaltig im Griff zu behalten. War es noch bis vor wenigen Monaten unerlässlich, Liquidität zu sichern, liegt heute der Fokus darauf, Prozesse und Strukturen möglichst schnell auf das Wachstum auszurichten und dafür zu sorgen, dass die noch vor einem Jahr überlebensnotwendigen Einsparungen nicht zur Wachstumsbremse werden“, kommentiert Ludger Schuh, Leiter Geschäftsbereich Materialwirtschaft und Mitglied der Geschäftsleitung bei Inform.


Insgesamt ermittelt die Befragung folgende fünf Themenschwerpunkte für das laufende Jahr:

1. „Bestandsoptimierung“: Die konsequente Bestands- und Sortimentsoptimierung unter Wahrung der Versorgungssicherheit ist das Top-Thema der nächsten Monate. Die Herausforderung liegt darin, die Balance zwischen einem optimierten Working Capital und der Versorgungssicherheit mit Rohstoffen und Vorprodukten zu wahren.

2. Wachstumsbremse „Bestände“: Drei Viertel der Studienteilnehmer betrachten die nach der Krise fehlenden Bestände als Wachstumshemmnis. „Eine konsequente Bestands- und Sortimentsoptimierung ist deshalb das wichtigste Thema. Die besondere Herausforderung liegt hier darin, die Balance zwischen einem optimierten Working Capital und der Versorgungssicherheit mit Rohstoffen und Vorprodukten zu wahren“, ergänzt Ludger Schuh.

3. Wirtschaftskrise als Planungskrise: Sowohl im Hinblick auf die Bedarfs- und Absatzplanung als auch auf die Wiederbeschaffungszeiten und die Verlässlichkeit der Lieferanten herrschte bei acht von zehn Unternehmen größte Unsicherheit. Verschärft wurde die Situation durch eine intransparente Versorgungssituation und volatile Rohstoffpreise.

4. Operatives Management hat Priorität: Vor allem die operative Komplexität hat die bestehenden Systeme und Strukturen während der Krise überfordert. Operative Aspekte bestimmen deshalb die Agenden der Befragten. Die wenigsten Unternehmen sehen massiven Veränderungsbedarf auf der Ebene genereller Strategien. „Es ist vor allem die steigende operative Komplexität, die für Systeme und Strukturen zur massiven Belastung wird. Das hat natürlich auch mit der dramatisch abnehmenden Prognostizierbarkeit der Märkte und der Steuerung globaler Wertschöpfungsketten zu tun“, ergänzt Schuh.

5. Neue Planungs- und Prognoseinstrumente erforderlich: 83 Prozent der Befragten glauben, dass Softwarelösungen zur Prognose und Planung wichtiger werden, um der abnehmenden Prognostizierbarkeit der Märkte zu begegnen; 71 Prozent zeigen sich überzeugt, dass mathematische Verfahren notwendig sind, um die Umweltkomplexität zu beherrschen.

Der effektive Einsatz moderner Planungsmethoden erfordert darüber hinaus eine Anpassung der in Unternehmen etablierten Praktiken und ein neues Denken. Schuh: „Dieses Denken verabschiedet sich von der simplen Übernahme harter, linearer Prognosen. Stattdessen setzt man auf die schnelle und flexible Berücksichtigung der Erkenntnisse der Mitarbeiter über das Marktgeschehen sowie strategisch auf die Entwicklung von Szenarien, die es erlauben, unterschiedlichste Entwicklungen vorzudenken. Dieses Vorgehen ermöglicht eine Planung, die weniger verspricht, aber deutlich mehr hält.“

Pain Points der Post-Krisen-Wirtschaft:

Im Rahmen der Studie haben sich die Faktoren Verfügbarkeit und Prognostizierbarkeit als die zwei herausragenden Schmerzpunkte der traumatisierten Post-Krisen-Wirtschaft erwiesen. „Die zunehmend prekäre Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten sowie die Zusammenarbeit mit instabilen Lieferanten macht die Gewährleistung der Versorgungssicherheit zum essenziellen Thema“, betont Schuh.

Darüber hinaus werden Softwarelösungen zur Absatzplanung immer wichtiger, um der abnehmenden Prognostizierbarkeit der Märkte zu begegnen. Durch den vermehrten Einsatz von mathematischen Optimierungsverfahren sind Unternehmen gut gerüstet, um die zunehmende Umweltkomplexität zu beherrschen. „Damit die Weichen für ein nachhaltiges Wachstum gestellt werden können, müssen Unternehmen Entscheider regelmäßig befragen, um die bremsenden Faktoren zu identifizieren und auszumerzen. Den Fokus der nächsten Monate sollten Unternehmen auf die Optimierung der Planung von Absatz und Beschaffung im operativen Umfeld legen“, schließt Schuh. bw

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