Ingenieur(innen)ausbildung

Technik soll sich für Frauen begeistern!

Als Präsidentin leitet Prof. Dr. Marion Schick mit Kreativität, Überzeugungs- und Reformkraft die Hochschule München. Für ihr außerordentlich hohes berufliches und ehrenamtliches Engagement bei der Ausbildung junger Leute erhielt sie im Frühjahr 2008 das Bundesverdienstkreuz. Am 1. Oktober 2008 wird sie als Vorstand für Personal und Recht zur Fraunhofer-Gesellschaft wechseln. handling-Chefredakteur Gunthart Mau sprach mit ihr in München.

Frau Professor Schick, der bayrische Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein attestierte Ihnen anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes „große Überzeugungskraft“ sowie „hohe Kommunikations- und Dialogfähigkeit“. Sind das speziell weibliche Eigenschaften?

Ich kenne viele Frauen, die diese Eigenschaften haben. Ich kenne auch dialogfähige Männer, Gott sei Dank. Für Frauen war es über Jahrtausende wichtig, in einer Gruppe zu agieren und viel miteinander zu kommunizieren. Vielleicht haben wir – evolutionstheoretisch gesehen – hier einen kleinen Vorsprung vor den Männern. Aber absprechen möchte ich den Männern diese Fähigkeiten nicht.


Im Jahr 2000 wurden Sie die erste Hochschulpräsidentin in Bayern. Wir schreiben jetzt 2008. Hat Bayern heute weitere Frauen in dieser Position?

Im Jahr 2000 war eine Frau an der Spitze einer Hochschule erstaunlicherweise ein Novum in Bayern. Erstaunlich deswegen, weil in anderen Bundesländern zu diesem Zeitpunkt natürlich schon Frauen in solchen Positionen waren. Bayern hat 17 staatliche Fachhochschulen und neun staatliche Universitäten. Eine weitere, die Universität der Bundeswehr München, wird von einer Frau geleitet. Im Fachhochschul-Bereich gibt es – nach meinem Wechsel zu Fraunhofer – auch nur eine Präsidentin, nämlich an der FH Neu-Ulm. Das heißt, quantitativ haben wir in den letzten Jahren noch nicht den Sprung nach vorn geschafft.

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Sie haben einen beeindruckenden Karriereweg zurückgelegt: Promotion, Abteilungsleiterin, Professorin und schließlich Hochschulpräsidentin. Gab es auf diesem Weg Verbündete und spürten Sie Widerstände durch männliche Kollegen und Mitarbeiter?

Widerstände habe ich nie sehr stark erlebt. Ich agiere umso besser, je stärker ein „Kontrapunkt“ da ist. Wenn niemand Kontra gibt, kann man nicht besser werden. Übrigens sagen viele erfolgreiche Frauen, sie hätten nie Diskriminierung erfahren. Männer habe ich zum Teil als Unterstützer erlebt, zum Teil als Nicht-Unterstützer, das heißt neutral. Männer sind klug und erkennen häufig sehr gut, wann es nötig ist, typisch weibliche Eigenschaften in eine Situation einzubringen. Ich habe noch kein Gremium erlebt, das nicht dankbar gewesen wäre, wenn endlich eine Frau dabei ist. Allerdings erlebe ich immer noch, dass ich in Gremien komme und die einzige Frau bin. Und dann noch die Jüngste! Das erschreckt mich.


Werden Sie als Chefin voll akzeptiert? Und haben Sie Freude an der Macht, das heißt an der Entscheidungsbefugnis?

Beide Fragen kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten.


Sie hatten und haben zahlreiche Funktionen und Ehrenämter. Dabei trifft man viele Wegbegleiter. Wie wichtig ist das persönliche Networking?

Das ist vielleicht der wichtigste Teil meiner Gesamtkompetenz. Networking ist das A und O. Wenn man sein Berufsleben nicht nutzt, um ein Netzwerk aufzubauen, dann hat man etwas falsch gemacht. Es gibt in einer so komplexen Gesellschaft, in der wir heute leben, kein einziges Thema, das man aufgrund der eigenen „Weisheit“ regeln kann oder soll.


Wie schaffen Sie es, den zahlreichen Anforderungen in Beruf und Familie gleichermaßen gerecht zu werden?

Ich weiß nicht, ob ich beiden Ebenen gerecht werde. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen der Familie gegenüber. Die grundlegende Antwort wird Ihnen jede beruflich engagierte Mutter geben: Bei einer Doppelbelastung muss man jede Minute des Tages extrem effizient nutzen. Das führt dazu, dass man auch im Beruf sehr effizient wird, dass man unnötig lange Sitzungen nicht mehr erträgt, (sondern sie beendet) und dass man rund um die Uhr erreichbar ist. Man hält weniger lange Sitzungen, führt weniger Gespräche, die man gar nicht braucht und man verzichtet auf Rituale, die jene Menschen gern machen, die mehr Zeit haben.


Erfahren Sie auch Unterstützung von familiärer Seite?

Ich bekam viel Unterstützung durch meinen Mann und den Freundeskreis. Eine Professorin von uns untersuchte einmal die Fragestellung „Wie groß muss ein Netzwerk einer berufstätigen Mutter sein?“ Sie kam auf einen Kreis von 15 Personen. Ich bin auch sehr glücklich, diese Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis zu haben.


Als Strategie gegen den Fachkräftemangel fordert der VDI, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen. Wie hoch ist der Frauenanteil an der Hochschule München, und was halten Sie von Quotenregelungen?

Im Gesamtdurchschnitt haben wir 35 Prozent weibliche Studierende. In den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) variiert ihr Anteil von vier Prozent (Elektrotechnik) bis etwa 20 Prozent (Informatik). Der Anteil der Professorinnen liegt ungefähr bei zwölf Prozent. Hier schlagen die technischen Studienrichtungen zu Buche. Auf viele Professuren bewerben sich keine Frauen, weil es sie auch an den entsprechenden Stellen in der Wirtschaft nicht gibt.
Zurzeit steigt der Frauenanteil bei Promotionen und Habilitationen. Eine breite Basis, aus der der weibliche wissenschaftliche Nachwuchs rekrutiert werden kann, baut sich im Moment auf. Wir müssen auch aktiv Bewerbungen erzeugen. Ich bin nicht für eine Quote, sondern habe eine einprägsamere Strategie: Auf jedem Foto, das relevante Gruppen zeigt, muss mindestens eine Frau drauf sein.

Es geht nicht darum, Frauen an die klassische, männliche Technik heranzuführen, sondern darum, dass die Technik sich weiterentwickelt und attraktiv macht für Frauen. Es ist für Frauen nicht attraktiv, an Detailverbesserungen bei Oberklasse-Autos mitzuarbeiten. Es ist dagegen für Frauen hochattraktiv, wenn sie mit einer technischen Entwicklung dazu beitragen können, dass mit Energie besser umgegangen oder Menschen geholfen wird. Ich möchte daran appellieren, nicht nur Frauen für Technik zu begeistern. Die Technik soll sich für Frauen begeistern! Und für ihre Kompetenzen und Fähigkeiten. Da haben wir noch viel zu tun.


Sie werden am 1. Oktober Vorstand für Personal und Recht bei der Fraunhofer-Gesellschaft. Welche Aufgaben erwarten Sie dort, und was haben Sie sich vorgenommen?

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist jetzt in einem deutlichen Wachstum begriffen, und sie steht im Wettbewerb um die besten Köpfe weltweit. Die anwendungsorientierte Forschung, eine Kernkompetenz der Fraunhofer-Gesellschaft, steht so hoch im Kurs wie nie zuvor. Immer mehr interessiert die Frage: Was wird aus den gewonnenen Erkenntnissen in einem Produkt, das in Deutschland hergestellt und vermarktet wird? Die Herausforderung besteht darin, dieser steigenden Rolle der anwendungsorientierten Forschung auf der Personalseite das passende Äquivalent zu liefern. Ich stelle mir für meine künftige Tätigkeit vor, hier ein „atmendes“ System zu entwickeln. Es geht darum, Chancen und Wege für die Menschen zu eröffnen, die wir anziehen wollen. Das Ziel ist, eine individuelle Perspektive mit dem Mitarbeiter gemeinsam zu entwickeln. So, dass er oder sie den maximalen Wert schöpft aus seiner oder ihrer Tätigkeit bei Fraunhofer.

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