Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die wirtschaftliche Lage Mitteldeutschlands

Entwicklung in der Mitte

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands seit 2010 spiegelt sich durch positive Veränderungsraten auch in den drei mitteldeutschen Ländern wider. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Aber: Herausforderungen bleiben.

Mitteldeutschland - die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. (Foto: Fotolia)

Wie alle anderen Länder haben auch die drei mitteldeutschen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Sachsen belief sich im Krisenjahr 2009 auf minus 2,9 Prozent - und lag damit deutlich unter der durchschnittlichen Veränderungsrate aller Länder von minus vier Prozent. In Sachsen-Anhalt und Thüringen wirkte sich die Krise mit einem konjunkturellen Einbruch des BIP von minus 4,4 beziehungsweise minus vier Prozent noch stärker aus. Das BIP pro Kopf ging 2009 in allen Ländern leicht zurück, jedoch gab es in den westdeutschen Ländern einen deutlich stärkeren Einbruch - hier ist seit 2010 allerdings wieder Wachstum eingekehrt. Dennoch ist weiterhin ein deutlicher Niveauunterschied zwischen den westdeutschen und ostdeutschen Ländern feststellbar. Die Werte für die Neuen Länder liegen relativ dicht beieinander. So beträgt die Differenz des BIP pro Kopf zwischen den Neuen Ländern 2012 nur rund 1.160 Euro (Thüringen mit dem niedrigsten Wert von 22.241 und Sachsen mit dem höchsten Wert von 23.400 Euro pro Einwohner). Im Vergleich dazu beträgt der Abstand zwischen Sachsen und Schleswig-Holstein, dem westdeutschen Land mit dem niedrigsten BIP pro Kopf, bereits 3.819 Euro. Das im Vergleich zum Freistaat Sachsen fast doppelt so hohe und im Vergleich aller Länder mit weitem Abstand höchste BIP pro Kopf verzeichnet Hamburg mit einer Wirtschaftsleistung von 53.091 Euro.

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Geringste Pro-Kopf-Verschuldung in Sachsen

Bei der Entwicklung des Schuldenstandes je Einwohner ist Sachsen ebenfalls Primus der drei mitteldeutschen Länder. Im Freistaat betrug 2011 die Verschuldung 1.358 Euro pro Einwohner - das ist seit 2009 die geringste Pro-Kopf-Verschuldung aller deutschen Länder. Selbst 2009 war der Wert leicht rückläufig, während er in den restlichen Ländern zumindest leicht angestiegen war. In Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Pro-Kopf-Verschuldung in den letzten Jahren weiter gestiegen. Dennoch liegt sie 2011 mit 8.890 (Sachsen-Anhalt) und 7.430 (Thüringen) unter dem bundesdeutschen Durchschnitt von 9.586 Euro pro Einwohner.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Mitteldeutschland hat sich in den vergangenen Jahren im Einklang mit der Entwicklung im gesamten Bundesgebiet sehr positiv entwickelt. Bis auf einen leichten Anstieg der Arbeitslosenquote - bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen während der Wirtschaftskrise - ist seit 2005 eine eindeutige Verbesserung auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit stetig sinkenden Arbeitslosenquoten feststellbar. Dies hat zur Folge, dass sich die Arbeitslosenquoten der ostdeutschen jenen der westdeutschen Länder annähern. Betrug die Differenz zwischen dem westdeutschen Land mit der niedrigsten und dem ostdeutschen Land mit der höchsten Arbeitslosenquote 2005 noch 13,3 Prozentpunkte, waren es 2012 (ohne Berlin) nur 8,3 Prozentpunkte. Thüringen weist 2012 mit 8,5 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote aller ostdeutschen Länder auf. In Sachsen und Sachsen-Anhalt lag sie bei 9,8 beziehungsweise 11,5 Prozent. Diese positive Entwicklung hat allerdings nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern muss auch vor dem Hintergrund demografischer und struktureller Faktoren, die zwischen den einzelnen Ländern unterschiedlich stark differieren, bewertet werden.

Weniger Export - höhere Krisenresistenz

Wie aus der Darstellung einiger ökonomischer Fundamentaldaten ersichtlich wird, haben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise die Neuen Länder weniger stark betroffen als die Alten. Die Gründe für diese gute Krisenresistenz liegen in der im Vergleich zu den westdeutschen Ländern anderen Branchenstruktur und einer geringeren Exportorientierung. Von der Krise waren in erster Linie die Industrieproduktion und die Hersteller von Investitionsgütern betroffen. Der Anteil dieser Sektoren an der Bruttowertschöpfung ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen immer noch geringer als in den westdeutschen Ländern. Ferner hat die Exportorientierung der ostdeutschen Wirtschaft (2012: 27,1 Prozent), obwohl sie in den letzten Jahren gestiegen ist, immer noch nicht das West-Niveau erreicht (2012: 34,8 Prozent). Dabei weisen die drei mitteldeutschen Länder die höchsten Quoten unter den fünf Neuen Ländern auf. Sachsen ist mit einem Anteil von 32,7 Prozent am exportstärksten und hat 2012 bereits Nordrhein-Westfalen (31,2 Prozent) überholt. Sachsen-Anhalt (28,2 Prozent) und Thüringen (25,7 Prozent) hatten 2012 schon höhere Exportquoten als Schleswig-Holstein und Hessen. Die insgesamt aber noch immer geringeren Exportquoten sorgten in Zeiten der Wirtschaftskrise und dem damit verbundenen Einbruch des Außenhandels für ein gewisses Abdämpfen des konjunkturellen Einbruchs. Nach der Krise behinderten sie jedoch gleichsam eine schnellere Erholung der Wirtschaft.

Haushaltspolitisch haben die mitteldeutschen Länder in den vergangenen Jahren - trotz einer im Ländervergleich immer noch unterdurchschnittlichen Finanz- und Steuerkraft - grundsätzlich eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Insgesamt haben alle Neuen Länder bereits 2011 wieder an ihre haushaltspolitische Situation von 2008 anknüpfen können. Dennoch zeigt der Ländervergleich nach dem Steueraufkommen pro Kopf für 2012, dass die Neuen Länder nur bei 54 Prozent des Bundesdurchschnitts liegen. Die drei mitteldeutschen Länder liegen sogar noch unter dem ostdeutschen Durchschnitt; Sachsen nimmt mit 51 Prozent bundesweit den letzten Platz ein (zum Vergleich: Hamburg liegt mit 148 Prozent an der Spitze, Bayern führt unter den Flächenländern mit 126 Prozent).

Zukunft bleibt herausfordernd

Summa summarum wirkte sich die Wirtschafts- und Finanzkrise relativ gesehen weniger stark auf die mitteldeutschen Länder aus. Dennoch stehen sie in den kommenden Jahren angesichts drohender wegfallender Mittel aus dem EU-Strukturfonds ab 2014, dem Abschmelzen der Sonderbedarfs-Bundesergänzungszuweisungen (SoBEZ) bis 2020 und der Einführung der Schuldenbremse vor großen Herausforderungen. Denn die bisherigen Sondertransfers dienten maßgeblich der Schließung der Infrastrukturlücke, die jedoch zwischenzeitlich als abgeschlossen betrachtet werden kann. Betrachtet man hingegen die Entwicklung der Steuereinnahmen der ostdeutschen Länder, die auch die Problematik der wirtschaftlichen Struktur widerspiegelt, unter dem Aspekt der hoheitlichen Aufgabenerbringung (etwa Pflichtaufgaben im Rahmen der Daseinsvorsorge), so werden auch zukünftig weitere Transferzahlungen erforderlich sein, um damit eine effiziente regionale Wirtschaftsförderung und -politik zur Behebung dieses Ungleichgewichts zu gewährleisten.

Der Autor:

Prof. Dr. Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer der Universität Leipzig, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen und Public Management, Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet des bundesstaatlichen Finanzausgleichs, des Fiskalföderalismus, der Kommunalfinanzen, der öffentlichen Wirtschaft und der Regionalwirtschaft.

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