Ausbildungsreform Konstrukteure

Für den Konstrukteur wird's schwör

Die akademische Ausbildung der Produktentwickler braucht eine Neuorientierung.

Das Berufsbild der Produktentwickler steht vor Änderungen in der Ausbildung ebenso wie in der Ausübung. Anpassungen an gesellschaftliche wie wirtschaftliche Entwicklungen sind gefragt, um diesen Job wieder attraktiver für den Nachwuchs zu gestalten.

Innovationskraft und Hightech-Produkte haben aus Deutschland eine der führenden Industrienationen geformt. Eine ganz wesentliche Rolle, die Produktentwicklung und -gestaltung, nehmen dabei vielfach Konstrukteure wahr. Deren Ausbildung steht vor großen Herausforderungen: Sie muss dem Wandel der Tätigkeitsfelder und Anforderungen mit angepassten Ausbildungskonzepten begegnen, auf den Umgang mit der stetigen Weiterentwicklung vorbereiten und gleichzeitig attraktiv sein für den potenziellen Konstrukteurnachwuchs.

„Wir brauchen mehr und besser qualifizierte Konstrukteure“– diese Aussage eines Industriepartners hatte Hans Kurt Tönshoff und Berend Denkena, Professoren am Institut für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen der Leibniz Universität Hannover, Ende 2008 dazu bewogen, das Thema der akademischen Ausbildung von Konstrukteuren bei der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften – vorzustellen. Konstrukteure gelten als ein wichtiger Motor für den Erfolg der deutschen Wirtschaft. Ihre Ausbildung, das Berufsbild und die Arbeitsbedingungen müssen sich den sich ändernden technischen und gesellschaftlichen Anforderungen und damit den Bedürfnissen in den Unternehmen ständig anpassen. Eine jetzt vorliegende acatech-Studie gibt konkrete Handlungsempfehlungen für eine Neuausrichtung der akademischen Ausbildung von Konstrukteuren. Die Ausbildung von Konstrukteuren steht damit vor besonderen Herausforderungen. Sie muss dem Wandel an Tätigkeitsfeldern und Anforderungen mit angepassten Ausbildungskonzepten begegnen. Dabei will sie attraktiv sein für Studierende und Arbeitgeber. Denn die Absolventen von Ingenieurstudiengängen streben häufig in Bereiche wie Vertrieb, Fertigung, Montage, Betriebsorganisation, Logistik oder technische Geschäftsführung. Zu wenige Ingenieure verstehen sich als Konstrukteur im Sinne eines Produktentwicklers. Dies ist vor dem Hintergrund eines großen Einstellungsbedarfs im Bereich Konstruktion und signalisierten Problemen bei der Besetzung entsprechender Stellen bedenklich.

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Maschinenbaustudium ist üblich

Die Daten des acatech-Projekts "Konstrukteur 2020" lieferten unter anderem eine inhaltsanalytische Untersuchung von Studienordnungen, Befragungen von Fakultäten und Interviews mit den wichtigsten Stakeholdern (Studiengangverantwortliche, Studierende, Absolventen, Industrievertreter sowie Verbandsmitglieder). Dem wurden die Erwartungen der Industrie an moderne Konstrukteure gegenübergestellt. Für den akademischen Bereich liegen keine statistischen Daten zur Konstruktionsausbildung vor. In der Regel haben akademisch qualifizierte Konstrukteure aber ein Maschinenbaustudium absolviert.

Über 100 Hochschulen bieten in Deutschland Maschinenbaustudiengänge an, rund 98.000 Studierende sind darin immatrikuliert. Um Einschätzungen zum Berufsbild des Konstrukteurs zu gewinnen, wurden 46 Professoren der Konstruktions- beziehungsweise Produktionstechnik befragt. Die Antworten zeigen, dass der Konstrukteur als Treiber und Gestalter im Entwicklungsprozess gesehen wird. Dafür braucht er klassisches Konstruktions-Know-how wie Kenntnisse zu Maschinenelementen und Materialien, zu Mechanik, Fertigungs- und Montagetechnik sowie analytisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen.

Die Urteile driften auseinander

Für den Konstrukteur von morgen werden aber auch Projektmanagement, Kostenrechnung, Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten eine zentrale Rolle spielen. Die Einschätzungen der befragten Professoren zu aktuellen und zukünftig wichtigen Voraussetzungen von Konstrukteuren gehen jedoch zum Teil weit auseinander. Offensichtlich sind das Berufsbild und das Anforderungsprofil von Konstrukteuren nicht klar umrissen. Ein zentrales Ergebnis der 27 Interviews mit Ingenieuren aus Industrie, Hochschulen und Verbänden sowie Studenten der Ingenieurwissenschaften ist: Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition, was ein Konstrukteur ist, beziehungsweise macht. Der Entwicklungs- und Konstruktionsprozess in seiner Gesamtheit besteht aus verschiedenen Stufen und Schnittstellen, die je nach Produkt und Unternehmen unterschiedlich ausgestaltet sind. Entsprechend unterschiedlich sind die Tätigkeitsfelder und Anforderungen. Das Spektrum der Konstruktionsberufe reicht vom Produktentwickler, Produktdesigner und Produktmanager über den Konstrukteur bis zum Detailkonstrukteur/Technischen Zeichner.

Hinsichtlich der akademischen Konstruktionsausbildung herrscht Uneinigkeit zum angemessenen Theorie-Praxis-Verhältnis. Dies führt auch zu Fragen nach der Struktur des Studiums. Gegenwärtig werden zuerst die Grundlagen relativ losgelöst vermittelt, dann erst folgt die Anwendung. Entsprechend hoch ist die Selektion an Studierenden im Grundlagenstudium. Zunehmend findet außerdem eine Entgrenzung der Konstruktionsarbeit statt. Andere, auch nichttechnische Qualifikationen gewinnen an Bedeutung, die des Mechanischen – als traditioneller Kern des Maschinenbaus – nimmt eher ab. Wenn also in der Arbeitswelt parallel zur Entgrenzung der Berufsfelder eine Entkernung des Kompetenzprofils des Maschinenbauingenieurs stattfindet, bereitet dann das traditionelle Maschinenbaustudium noch ausreichend auf eine Konstruktionstätigkeit vor?

Unscharfes Bild

In zwei Experten-Workshops wurde das Bild vom Konstrukteur, die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und Beruf sowie Berufstätigkeit unter die Lupe genommen. Die identifizierten Problemfelder und Ursachen sind vielfältig und reichen von einem unscharfen, weitläufigen Berufsbild über eine stark an Einzeldisziplinen und nicht an Berufskompetenzen orientierte Hochschulausbildung bis hin zu (wahrgenommenen) Benachteiligungen im Beruf. Für die identifizierten Problemfelder erarbeiteten die Experten dann Lösungsansätze, aus denen die Projektgruppe schließlich zehn Handlungsempfehlungen ableitete. Die vorgeschlagenen Lösungsansätze zielen entweder darauf ab, mehr Menschen für den Beruf des Konstrukteurs zu begeistern, um auf diese Weise die Zahl der verfügbaren Konstrukteure zu erhöhen. Oder sie sind darauf ausgerichtet, angehende Konstrukteure noch besser auf den Beruf vorzubereiten. Viele Vorschläge adressieren die Hochschulen, um insbesondere die Qualität der dortigen Konstrukteurausbildung zu verbessern. Ebenso richten sich die Vorschläge jedoch an die Unternehmen. Auch sie tragen beim Entgegenwirken eines Mangels an hoch qualifizierten Konstrukteuren eine große Verantwortung. bw

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