Altersgerechte Logistik

Kein Beugen unter schwerer Last

Gesundes Kommissionieren auch im Alter durch ergonomische Lagerfachbelegung
Typische körperliche Belastung in der manuellen Kommissionierung (n = 15).
Kommissionierung ist von körperlich belastenden Tätigkeiten geprägt. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung ist das für viele ältere Mitarbeiter eine wachsende Herausforderung. Für die gewachsenen und meist schwer veränderlichen Lagerstrukturen hat der Lehrstuhl fml an der TU München ein Konzept zur ergonomischen Lagerplatzbelegung entwickelt, das mit geringem Aufwand eine Entlastung der Kommissionierer herbeiführt.

Geringe Geburtenzahlen und Zuwanderung gepaart mit höherer Lebenserwartung führen zur demografischen Alterung der Gesellschaft. Diese Veränderung der Altersstruktur schlägt sich eins zu eins auch auf die Mitarbeiter in der Intralogistik nieder. Während der Anteil der Altersgruppe der 35 bis 50-jährigen konstant bleibt, ist eine Verschiebung des Verhältnisses von jüngeren Logistikern zugunsten älterer Mitarbeiter festzustellen. Im Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft hält sich seit langem das Defizitmodell, das von einer generellen Abnahme der (beruflichen) Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter mit zunehmendem Alter ausgeht. Das Defizitmodell entstand vor allem vor dem Hintergrund früherer Intelligenztests und gilt seit Längerem als überholt. Daraus entwickelte sich die allgemeine Ansicht, Ältere seien weniger leistungsfähig und weniger belastbar. Paradox an dieser Betrachtung der Leistungsfähigkeit ist, dass beim isolierten Testen von Einzelfunktionen Ältere schlechter abschneiden, während die Arbeitsleistung nicht generell abnimmt. Als Grund hierfür wird meist die Kompensation von rücklaufenden Fähigkeiten durch zunehmende Erfahrung genannt. Eine Befragung unter 32 Führungskräften der operativen Logistik zeigt, dass sich in der Praxis nach wie vor die Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitnehmern halten. Auf die Frage, welches die drei größten Probleme einerseits für jüngere (< 45 Jahre) und andererseits für ältere (≥ 45 Jahre) Logistikmitarbeiter mit ihrer Arbeit darstellen, gaben die Befragten ihre Einschätzung ab. Zu den häufigsten Nennungen der Probleme jüngerer Logistikmitarbeiter zählen die fehlende Motivation sowie der Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck. Steigender Erwartungsdruck von Gesellschaft und Unternehmen, aber auch Familien- und Freizeitorientierung aufgrund geringer Aufstiegsmöglichkeiten in der operativen Logistik können Gründe für die fehlende Motivation sein. Jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es gerade die Aufgabe der Führungskräfte ist, für die Motivation der Mitarbeiter zu sorgen. Gut zwei Drittel der befragten Führungskräfte sieht bei älteren Logistikmitarbeitern Probleme im Umgang mit Veränderungen. Dies wird lediglich durch Probleme in Bezug auf die körperliche Belastbarkeit übertroffen, welche oft im Zusammenhang mit einer Leistungsabnahme genannt wird.

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Dabei ist nicht das Altern an sich verantwortlich. Diese Art der Leistungsabnahme steht im Zusammenhang mit Fehlbeanspruchungen und -belastungen. Eine am Lehrstuhl durchgeführte Feldstudie an Arbeitsanalysen in der Kommissionierung konnte hier die entscheidenden körperlichen Belastungen identifizieren. Die Analyse von fünfzehn typischen Kommissioniersystemen bestätigt das Bild einer hohen körperlichen Belastung der Mitarbeiter. Das Heben und Tragen von Lasten in Kombination mit der dabei eingenommenen Körperhaltung (Rumpfbeugung und -verdrehung) stellen für die Kommissionierer die entscheidenden Belastungsfaktoren dar. 40 Prozent der untersuchten Systeme beinhalten Belastungen, die ein erhöhtes Risiko für Gesundheitsschäden aufweisen. Weiterhin stellt der hohe Anteil an Tätigkeiten im Gehen und Stehen eine Belastung mit möglichem Risiko dar, da hier selten ein Belastungsausgleich durch Arbeiten im Sitzen erfolgt. Als Folge der hohen, über das Erwerbsleben des Kommissionierers wirkenden körperlichen Belastung entstehen Muskel-Skelett-Erkrankungen. Diese machen bekanntlich ein Viertel der Arbeitsunfähigkeitstage aus und steigen mit zunehmendem Alter stark an.

Für die manuelle Kommissionierung stellt dieser Tatbestand vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung ein schwerwiegendes Problem dar. Technische Ansätze zur Lösung des Problems sind oft nur für Kleinteile geeignet, führen zu einseitiger Belastung oder sind mit hohen Investitionen verbunden. Ansätze ergonomischer Optimierung für die oft vorherrschenden, gewachsenen Lagerstrukturen sind rar und ebenso mit hohem (finanziellen) Aufwand verbunden. Der Lehrstuhl fml fokussiert arbeitsorganisatorische Ansätze, um eine gesunde körperliche Belastung in der Kommissionierung mit geringem Aufwand zu erzielen. Durch die Integration der für die Belastungsermittlung in der Kommissionierung erweiterten Leitmerkmalmethode in das Warehouse Management System ließ sich eine ergonomische Lagerfachbelegung realisieren.

Basierend auf Vergangenheitsdaten an Zugriffshäufigkeiten auf das Artikelspektrum können die Lagerfächer so belegt werden, dass eine theoretisch geringstmögliche körperliche Belastung für den Kommissionierer entsteht. Die Artikel werden in Abhängigkeit der Zugriffshäufigkeit, ihres Gewichts und ihrer ergonomischen Greifbarkeit so für den Kommissionierer bereitgestellt, dass dieser das geringstmögliche Risiko an Gesundheitsschäden erfährt. Für die Lösung dieses Optimierungsproblems ist es beispielsweise erforderlich, schwere Artikel mit hoher Zugriffshäufigkeit so einzulagern, dass sie ohne Rumpfbeugung ergonomisch günstig zu entnehmen sind. Artikel mit niedrigem Gewicht und geringer Zugriffshäufigkeit werden in noch verfügbare Lagerplätze mit schlechterer Zugänglichkeit bereitgestellt (Beugen beziehungsweise Bücken bei der Entnahme beziehungsweise hohes Gewicht). Die ergonomische Lagerfachbelegung ermöglicht es auch, in bereits bestehenden Kommissioniersystemen mit geringem Aufwand eine ergonomische Optimierung zu erreichen, die zum Erhalt der Leistungsfähigkeit von jung und alt beiträgt.

Die gewachsenen Lagerstrukturen der Kommissionierung sind diesbezüglich durch hohe Belastung in Form des Hebens von Lasten gekennzeichnet. Über die ergonomische Lagerfachbelegung kann das Risiko an Gesundheitsschäden minimiert werden. Diese neue Belegungsstrategie von Lagerplätzen lässt sich auch in bestehende Kommissioniersysteme integrieren, um über eine wirtschaftliche Belegungsstrategie hinaus die körperliche Belastung in einem gesunden Maß zu halten und so zum Erhalt der Leistungsfähigkeit von jung und alt beizutragen.
Dennis Walch/ Prof. Willibald A. Günther/bw

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