Interview mit Thomas Pilz

Erfolgreicher Eintritt in die Welt der Robotik-Module

In diesem Jahr feiert Pilz das 70-jährige Bestehen. Das Automatisierungsunternehmen wandelt sich mit den Anforderungen der Zeit und nimmt sich fortan auch dem Thema Service-Robotik an. Mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter Thomas Pilz sprach handling-Chefredakteurin Petra Born.

Thomas Pilz, Geschäftsführenden Gesellschafter der Pilz GmbH & Co. KG © Pilz

Herr Pilz, Sie waren in diesem Jahr mit Ihrem Unternehmen erstmals als Anbieter von Service-Robotik-Modulen auf der Automatica vertreten. Wie haben die Fachmessebesucher darauf reagiert?
Ich darf mich über einen ganz erfolgreichen Eintritt in die Welt der Robotik-Module freuen. Die Fachbesucher waren begeistert über die Schlüssigkeit unseres Angebots. „Man könnte meinen, Pilz hat noch nie was Anderes gemacht als genau das, was wir vorgestellt haben“, hat man uns gesagt. Wir konnten aufzeigen, wie Produkte namhafter Roboterhersteller, zum Beispiel Yaskawa, mit unseren Modulen zusammenspielen. Der Yaskawa-Manipulator, der in unsere Smart Factory integriert wurde, hat die MRK übernommen: Er hat dem Kunden sein Werkstück – unseren USB-Stick – sicher übergeben. So konnten wir zeigen, wie unsere Module gemeinsam mit Produkten anderer Hersteller eine umsetzbare Lösung für den Kunden darstellen.

Sie haben zunächst den Manipulator, das Steuerungsmodul und das Bedienmodul ins Portfolio genommen. Welche weiteren Module sollen folgen?
In München haben wir auch das erste ROS-Modul vorgestellt. ROS ist ein beliebtes und verbreitetes Betriebssystem aus der Forschung, das vermehrt schon in Unternehmen aus der FTS (Fahrerlose Transportsysteme) -Branche zum Einsatz kommt, um unterschiedliche Komponenten auf einem FTS zu kombinieren. Es wird nicht bei diesen ersten ROS-Modulen bleiben, sondern es sollen auch Produkte wie die konfigurierbare Kleinsteuerung PNOZ multi oder unser Sicherheits-Laserscanner PSENscan in ROS moduliert werden, um dem Kunden zusätzliche Module an die Hand geben zu können.

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Sie wollen dem Anwender mit den Modulen die Möglichkeit geben, sich seinen Kleinroboter beispielsweise für Pick-and-Place-Aufgaben oder für teilautomatisierte Klein-Roboterzellen zusammenzustellen. Welche Endeffektoren bieten Sie hierfür an? Kommen demnächst Pilz-Greifer?
Das nicht. Aber es gibt Greifer unterschiedlicher Hersteller, die unser Arm ideal aufnehmen kann. Es ist eine gute Vorgehensweise, wenn man Module von Experten integriert. Und genau hier bedeutet ROS eine enorme Zeiteinsparung. Man hat schon Module: einen Arm, einen Greifer, die der Anwender in einer ROS-Simulation schon zusammenfügen kann. Das ist für alle roboterfernen Bereiche hochinteressant! Nehmen wir ein Beispiel: Ein Unternehmen mit etwa 50 Mitarbeitern, darunter junge Mitarbeiter mit universitärem Hintergrund und ROS-Vorwissen, kann damit einen intralogistischen Prozess mit eigenen Möglichkeiten automatisieren. Aus einem FTS und einem Roboterarm – der kann von Pilz sein oder auch einem anderen Hersteller – lässt sich ein kleines Automatisierungssystem zusammenstellen, das die Mobilität erhöht. Auf einen Kompletthersteller muss das kleine Unternehmen nicht zurückgreifen.

Also ein einfacher, mobiler Service-Roboter aus dem Modul-Baukasten. Wen haben Sie als Zielgruppe für eine solche Applikation, im Auge?
Ich wünsche mir für dieses Baukasten-System das Interesse kleiner Unternehmen, die besser automatisieren wollen, Prozesse effizienter gestalten wollen, agiler sein möchten. Wir als Pilz sind ja in diesem Bereich wie ein Start-up unterwegs, und Start-ups kümmern sich gern um Kunden, die üblicherweise nicht in das Beuteschema eines großen Unternehmens passen. Wir haben nun alles dafür vorbereitet, damit der Kunde sich aus den Modulen selbst sein Robotiksystem zusammenstellt. Oder aber auch unsere Dienstleistung und Begleitung in Anspruch nimmt, wenn er uns braucht – sei es bei der CE-Abnahme oder bei der Inbetriebnahme. Ich bin davon überzeugt, dass Pilz gerade für ein kleineres Unternehmen, das sich mit Robotik beschäftigt, ein sehr kompetenter und verlässlicher Partner sein kann.
Wichtig ist zudem, dass wir bei Pilz nicht betriebsblind nur auf industrielle Applikationen schauen, die wir kennen! Wir sind hier aufgefordert über den Tellerrand zu schauen und Hersteller für Lösungen in der Laborautomation, Krankenhausautomation, Personal Care, Hobby usw. zu finden. Denn Service Roboter Module von Pilz sollen sowohl in der Industrie wie auch außerhalb eingesetzt werden.

Wie lange können Sie es durchhalten, mit ihrem neuen Produktbereich nicht als Roboterhersteller gesehen zu werden?
Unser Fokus liegt ganz klar auf den Modulen. Wenn wir uns allerdings irgendwann gezwungen sehen sollten, die ganze Service Robotik als Maschine in unserem Produktkatalog zu führen, dann wären wir Roboterhersteller.


Was würden die anderen Roboterhersteller dazu sagen – die ja auch Ihre Kunden sind?
Wenn uns jemand unbedingt als Konkurrenz sehen möchte, dann wird er es heute schon tun. Aber wir haben einen klar zugeschnittenen Fokus – das sind Module für die Service-Robotik im industriellen und nicht-industriellen Bereich, ausgelegt auf Mobilität. Ich würde mich sehr freuen, wenn unser Angebot bei all jenen, die Mobilität anbieten, Zustimmung findet, sodass viele FTSs mit unserem Arm fahren. Maschinenbauern machen wir auch das Angebot, dass Pilz nicht zwingend auf der Gesamtmaschine stehen muss.

Geben Sie mir bitte einen Anhaltspunkt darüber, seit wie lange Ihr Unternehmen den Bereich Service-Robotik im Fokus hat?
Bereits vor sechs Jahren, als meine Mutter Renate Pilz, meine Schwester Susanne Kunschert und ich dieses Thema besprochen und festgelegt haben, war die Service Robotik als künftiger Bereich definiert worden.

Mit den Sercive-Robotik-Modulen bietet Pilz einen Baukasten für Service-Roboter-Anwendungen im industriellen Umfeld an. © Pilz

Als Automatisierer mit der Kernkompetenz Sicherheit ist die Absicherung der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine Ihr Fokus, auch die Absicherung der durch MRK sich dynamisch verändernden Arbeitsbereiche. Insoweit erscheint es mir logisch, dass Pilz sich mit der Robotik an sich befasst. Sehe ich das richtig?
Es ist ein sehr logischer Schritt, wenn man sich die Komplexität der Steuerungstechnologie anschaut. Hier haben wir uns ganz bewusst für die Robotik entschieden und positives Feedback dahingehend erhalten, dass dies die konsequente Weiterentwicklung unseres Unternehmens ist. Mir ist es wichtig, die Offenheit unserer Module zu betonen: Wenn ein Systemintegrator im Industriebereich seinen eigenen Arm hat, aber keine Steuerung, dann ist er herzlich eingeladen, unsere Steuerungsfunktionalität hinzuzunehmen. Das wäre ein wunderbarer Erfolg, denn für uns ist das A und O die Modularität.

Sie sehen die industrielle Robotik für Pilz als eine der wichtigsten Zielapplikationen, ohne das Komponentengeschäft in der Sicherheitstechnik vernachlässigen zu wollen. Wie könnte künftig die Gewichtung aussehen?
Das eine schließt das andere nicht auf. Das Absichern von Roboterlinien stand immer schon im Mittelpunkt unseres Sicherheitskomponentenvertriebs. Der Dienstleistungsvertrieb dagegen hat sich auf Lösungen fokussiert. Dieses Kerngeschäft wollen wir nicht vernachlässigen, gleichzeitig ist es Aufgabe des Vertriebs, unsere Servicemodule als zweites Standbein zu etablieren. Hier wollen wir in zwei Jahren auf der nächsten Automatica bereits gut etabliert sein. Also unserer eigenen Vorgaben der Markteinführung erfüllt haben.

Wie steht es Ihrer Einschätzung nach um die konkrete Umsetzung der Service-Robotik in der gegenwärtigen Produktion. Sehen wir noch zu viele „Musterapplikationen“ statt realer Anwendungen?
Wir werden diese Technologie bei uns in unserer eigenen Fertigung einsetzen, so können wir auf eigener Erfahrung basierende Lösungen anbieten. Die Servicerobotik ist nicht aufzuhalten.

Es geht um andere Verbesserungen an der Linie, nicht um Schnelligkeit an sich. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Fertigung!
Richtig. In die moderne Linienplanung muss von Anfang an Service-Robotik und MRK eingebaut werden. Im Hinblick darauf, an welchen Stationen Arbeitsplätze möglich sind, die sicher und produktiv funktionieren. Nicht die Taktzeitverkürzung ist hier die Vorgabe!

Der Montageaufbau und die Prozessdefinition müssen also künftig anders erfolgen?
Das ist die Conclusio. Die Gesamtkonzeption beginnt mit der Fabrik- und Anlagenplanung, also ganz am Anfang. Ich kann MRK nicht später einfach irgendwie einbeziehen. Allerdings ist MRK dort gut integrierbar, wo ich im Bereich einer flexiblen Fertigung mit mittleren Stückzahlen und hohen Modellwechseln unterwegs bin. Mittlerweile ist großes Fachwissen vorhanden, es wächst kontinuierlich weiter, und das müssen wir jetzt auch anwenden.

Sie wollen mit dem Thema Service-Robotik wachsen. Heißt das, dass Sie auch an Zukäufe denken?
Wir als Pilz möchten zuverlässige Zulieferpartnerschaften pflegen. Wir möchten uns vernetzen zum gegenseitigen Nutzen. Das ist unsere unternehmerische Grundhaltung. Falls ein Zukauf sinnvoll wäre, dann werden meine Schwester Susanne Kunschert und ich entscheiden, ob wir dies tun wollen.

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