arktische Temperaturen

Automation in arktischen Temperaturen

SSI Schäfer wagt bei Migros den Sprung ins Tiefkühllager. Mit einem komplexen Logistikkonzept hat die SSI Schäfer Gruppe für das Schweizer Unternehmen Migros Verteilbetrieb Neuendorf unter arktischen Bedingungen ein vollautomatisches Tiefkühllager realisiert.

Mit einem Depalletierroboter wird die TK-Kost bei Migros automatisch gehandled. (Foto: SSI Schäfer)

Die Anforderungen der Kunden an den Handel sind enorm. Denn sie erwarten nicht nur eine ansprechende Präsentation der Waren, sondern ebenso eine breite Auswahl an Produkten, deren dauerhafte Verfügbarkeit sowie eine optimale Sortierung der Artikel in den Regalen. Dabei bestimmen kurze Lieferzeiten, kleinere Liefermengen und -einheiten sowie der Bedarf an optimal (store friendly) kommissionierten Artikelgruppen das tägliche Geschäft. Eine ideal aufeinander abgestimmte Logistik ist hier unabdingbar. Vor allem Automationslösungen bis auf Einzelstückebene, die Flexibilität der integrierten Kommissionierstrategien und das Prinzip Ware-zur-Person bieten hier erhebliche und entscheidende Optimierungspotenziale.

Doch was, wenn es sich um ein Tiefkühllager handelt? Wie lassen sich die Potenziale der Automation ausschöpfen, wenn die Systeme bei arktischen Temperaturen versagen? Aufgrund der physikalischen Gesetze gab es darauf bisher keine Antwort. So wagte Migros, das größte Einzelhandelsunternehmen in der Schweiz, einen mutigen Schritt: Die Automatisierung des 20.000 Quadratmeter großen Tiefkühllagers des Distributionszentrums MVN, eine 100-prozentige Tochter des Migros-Genossenschafts-Bundes.

Anzeige

Große Auftragsvolumen müssen hier täglich kurzfristig und effizient bewältigt werden, um rund 900 Verkaufsstellen zu beliefern. Dies erfolgte bisher weitestgehend manuell. Doch die Aussicht, die Mitarbeiter von dieser Arbeit zu befreien und dabei die Effizienz der Prozesse maßgeblich zu steigern, bot den Anreiz, den Schritt zur Vollautomation zu wagen. Bei minus 28 Grad Celsius eine große Herausforderung. Den Zuschlag für die gesamte Modernisierung des Mammutprojektes – von der Planung bis hin zur schlüsselfertigen Erstellung der Anlage – erhielt SSI Schäfer 2009 als Generalunternehmer.

Der Palettierroboter führt die Einzelsendungen für die Filialen zu einer Gesamtlieferung zusammen. (Foto: SSI Schäfer)

„SSI Schäfer war das einzige Unternehmen, das uns hier eine vielversprechende Lösung versprach und in der Lage war, diese umzusetzen. Uns war bewusst, dass ein derartig innovatives Konzept bisher noch nicht realisiert wurde, doch es hat sich gelohnt diese Herausforderung anzunehmen“, erklärt Geschäftsleiter Hans Kuhn von der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf.

Unmögliches ermöglicht
So hat der Intralogistikspezialist mit der Ausführungsplanung über den Regalbau eines automatischen Tray-, Tablar- und Inhouse-Hochregallagers bis hin zur gesamten Fördertechnik und zahlreichen weiteren Komponenten das Unmögliche möglich gemacht und die weltweit erste vollautomatisierte Tiefkühlanlage realisiert. Weitere Besonderheit: Die Kommissionierung erfolgt jetzt mit dem mehrfach Schäfer Case Picking (SCP) System – vom Wareneingang über die Depalettierung, Pufferung, Kommissionierung, Sequenzierung und Palettierung bis hin zum Warenausgang. Gesteuert werden die gesamten Prozesse von der Logistiksoftware Wamas von SSI Schäfer.

Die gesamte 20.000 Quadratmeter große, neue Anlage befindet sich jetzt auf drei Ebenen und umfasst neben den automatischen Hochregallagern auch Fördertechnik und Roboter. Das System arbeitet vollautomatisch und verwaltet rund 1.500 unterschiedliche Produkte. Das optimale Zusammenspiel von IT und automatisierten Komponenten sorgt bei einer Durchsatzsteigerung von rund 30 Prozent für einen effizienten Materialfluss. So verfügt MVN über eine aktuelle Durchsatzleistung von bis zu 60.000 Cases pro Tag.

Es ist Aufgabe des Case Pushers, die gesamte Ware der angelieferten Trays den Tablaren zuzuführen. (Foto: SSI Schäfer)

Ablauf: Im Wareneingangsbereich werden nun rund 300.000 Paletten pro Jahr bearbeitet. Bevor die Paletten geprüft und eingelagert werden erfolgt eine Temperaturkontrolle der angekommenen Lastwagen. Um eine Qualitätserhaltung in der Kühlkette lückenlos zu garantieren, sind bei allen LKW- und Bahn-Wareneingängen geschlossene und bei Bedarf gekühlte Rampenbereiche installiert. Treffen Produkte ein, die noch nicht im System verzeichnet sind, erfolgt die Erfassung der Artikel an zwei Stationen per intelligentem Teach-In. Das industrielle Bildverarbeitungssystem von SSI Schäfer erfordert keine aufwendige Anlernphase und erfasst alle wesentlichen Daten der Ware sekundenschnell. Dies bietet wichtige Orientierungsvorgaben bei der Palettierung, ermöglicht einen qualifizierten Wareneingangsprozess und eine ideale Stammdatenpflege. Dabei dient die durchgängige Verwendung der physikalischen Produkteigenschaften u.a. einem individuellen, produktschonenden Artikelhandling.

Die sortenreinen Paletten werden im Wareneingangspuffer, einem Hochregallager (HRL) mit 30.000 Palettenstellplätzen, zwischengelagert. Von hier aus treten die Waren ihren Weg per Rollen- und Kettenfördertechnik in die Halle 1 an. Dort beginnt das SCP als durchgängiges Systemkonzept für vollautomatische, filialspezifische Lieferzusammenstellungen mit der Arbeit.

In einem ersten Schritt depalettieren zwei Roboter die Paletten lagenweise. Während dieses Vorgangs werden die Zwischenlagen automatisch über ein Abfallband abgeführt und per Müllpresse entsorgt. Dies war unter anderem ein entscheidendes Kriterium für die Auftragsvergabe. Anschließend führt eine 566 Meter lange Fördertechnikstrecke die vereinzelten Lagen mit speziellen Trays in das Traylager.

Beim Schäfer Tray System (STS) handelt es sich um ein automatisches HRL. Es verfügt über sechs Gassen und rund 14.670 Stellplätzen. Die Ein- und Auslagerung der sortenreinen Trays erfolgt hier per Schäfer Miniload Crane (SMC). Dabei bewegen sich sechs kompakte Zweimast-Regalbediengeräte schwingungsgedämpft mit 240 Meter pro Minute durch die Gassen und führen ihre Ware zum Ziel. Nach der Einlagerung werden die Trays nach Bedarf ausgelagert und zum Case Wheeler oder Case Pusher befördert. Der Case Wheeler identifiziert die zu kommissionierenden Cases und schiebt diese für die Auftragsabwicklung auf entsprechende Tablare. Dabei nutzt das System die Machine Vision Technology von SSI Schäfer.

Der Weg führt die Tablare in das neue Mercury-Hochregallager. Dieses bietet Platz für rund 10.600 Tablare, die in vier Gassen durch acht Regalbediengeräte des Typs SMC1 vorsortiert doppelttief eingelagert werden. Parallel sorgen zwei Mercury-Regalbediengeräte in zwei Gassen für die Auslagerung der hoch verfügbaren Waren, die sortiert auf Tablaren über Fördertechnik und Paternoster-Aufzüge auf die untere Ebene zu den fünf Palettierrobotern transportiert werden. Dort stellen Roboter die Paletten direkt filialgerecht zusammen.

Modul in die Software integriert
Zur Optimierung der vollautomatischen Palettierung nach kundenspezifischen Anforderungen nutzt das System die intelligente Packsoftware, den Schäfer Pack Pattern Generator (SPPG) von SSI Schäfer. Als Softwaremodul ist der SPPG in die Logistiksoftware der SSI Schäfer Gruppe integriert. Im Zusammenspiel mit der Logistik- software errechnet die Software online innerhalb kürzester Zeit volumenoptimierte, stabile und nach Produktklassen zusammengestellte Filialpaletten. Um den Sortieraufwand in der Filiale zu minimieren, wird bereits bei der Planung die spezifische Verteilung der Waren in den Handelsfilialen (store friendly) mit einbezogen.

Die gesamten Logistikprozesse werden mit der Lagerverwaltungs- und Materialflusssoftware Wamas gesteuert und verwaltet. Sie übernimmt die operative Lenkung und das Management der Warenströme der Logistik- und Supportprozesse, einschließlich der Ressourcenplanung, des Arbeitsfortschrittes und der Kommunikation zu den Systemen in der Migros-Gemeinschaft. bw

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Soldersmart

Löten am Tisch

Der Soldersmart ist ein multifunktioneller Tischlötroboter von Elmotec, der sich für den Zwei- bis Drei-Schichtbetrieb eignet. Das Fertigungsverfahren ist prozessüberwacht, wird dokumentiert und kann rückverfolgt werden.

mehr...

ASK-Bürsten

Feine Oberfläche

Mit dem ASK-Bürsten erweitert Ferrobotics seine Palette an End-of-Arm-Paketlösungen für die automatisierte Oberflächenbearbeitung. Mit dem neuen Komfortpaket bietet das Unternehmen eine sofort integrierbare Automatisierungslösung für den heiklen...

mehr...

Robot Programming Suite

Kein Quellcode

Das schnelle und sensible Stecken von Elektronikkomponenten auf eine Leiterplatine, ohne dass dabei die dünnen Drahtanschlüsse verbogen werden, ist für einen Roboter eine anspruchsvolle Applikation.

mehr...
Anzeige

Reinraumzelle

Reine Zelle, reine Luft

Spetec hat das Reinraumangebot auf insgesamt drei verschiedene Reinraumkonzepte erweitert. Dadurch besteht die Möglichkeit alle Anforderungen von kostengünstig bis hin zum hochwertigen Reinraum nach GMP-Richtlinien für die Pharmazie zu realisieren.

mehr...

Automationslösungen

Spezielle Aufgaben

Die Schwerpunkte von HBi Robotics liegen auf der flexiblen Zuführung und dem Be- und Entladen von Werkzeugmaschinen. Neben den standardisierten Automationslösungen entwickelt das Unternehmen Lösungen für spezielle Fertigungs- und...

mehr...

Robotik

Plug & Work

Der Trend zur massenhaften Automatisierung verleiht gerade kleinen und leichten Robotern enormen Schub. Leichtgewichte beispielsweise von Universal Robots sind harmlos im Zusammenspiel mit dem Menschen und obendrein schnell programmierbar.

mehr...

Roboter

Neues Handgelenk

IAI Industrieroboter stellt für den Bereich Handling ein Roboterhandgelenk für Kartesische Robotersysteme vor. Der Spezialist will mit diesem Produkt die gleiche Flexibilität ermöglichen, wie sie bis dato nur mit Knickarmrobotern möglich waren.

mehr...