Editorial

Lieber Leserinnen und Leser,

Sie entsinnen sich: Ende 2009 waren Aufträge wegen der Finanzabenteuer der Bankenwelt für die Industrie weltweit Mangelware. Der deutsche Maschinenbau verzeichnete in einzelnen Branchen Umsatzrückgänge von etwa 80 Prozent. Selten hat man so viele zerknirschte Unternehmenslenker gesehen, wie damals. Die Minen haben sich längst auf breiter Front aufgehellt. Wir haben diese Zeiten hinter uns gelassen, gottlob, aber mit einem anderen bedauerlichen Zustand nicht aufräumen können:

Bereits damals, klagte das Institut der Deutschen Wirtschaft inmitten der Krise, fehlten 34.000 Ingenieure. Diesen systemischen Mangel vor Augen, wurde das Instrument der Kurzarbeit in den Unternehmen kultiviert, um wertvolle Human Ressources, wie sich das heute nennt, an Bord zu halten.

Dem Industriemanagement ist klar: Das Defizit in den innovationsabhängigen Branchen entstammt nicht so sehr den Ideen, sondern jenen, die sie umsetzen können. Die zukunftsträchtigen Branchen steuern damit auf ein Fiasko zu, denn selbst wenn man die Unterdeckung herausrechnet, spitzt sich die Situation zu. Demnächst – ab 2014 – werden mehr altgediente Ingenieure in den Ruhestand verabschiedet, als vorne zur Tür als Nachwuchs hereinkommen. Ein grundsätzliches Problem besteht sicherlich darin, die fertigen Ingenieure an die Konstruktionstische zu bekommen. Nur etwa die Hälfte der ausgebildeten Techniker arbeitet auch tatsächlich konstruktiv. Der Rest hat längst einen Posten in der Administration, im Verkauf, in der Verwaltung, als Unternehmensberater oder Wissenschaftler angenommen. Diese Bilanz muss sich verbessern lassen.

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In dieser Situation, die Bachelor- und Masterstudiengänge sind gerade mal zehn Jahre alt, setzen die führenden Technischen Universitäten, die sogenannten TU9, ganz offen wieder auf den Diplom-Ingenieur mit fünfjährigem Studium. Master und Bachelor als Abschluss werden unterminiert. Der Dipl.-Ing. kommt jetzt, quasi als Adelstitel des Technikerwesens, wieder oben drauf auf die Bildungsleiter. Da fühlen sich die Bildungsreformskeptiker gleich bestätigt – der altgediente Ingenieur lacht. Tatsache ist, dass auch in anderen Studienfächern die alten Diplome wieder zu Ehren kommen sollen. Rektoren gehen sogar davon aus, dass sich die Mehrheit der Studenten eher gegen den Master-Studiengang und für das Diplom entscheidet.

Deutschland fällt häufig negativ wegen seiner Zersplitterung der Bildungslandschaft durch Länderhoheit auf. Das erschwert nicht nur wechselwilligen Ingenieursfamilien den Umzug. Jetzt setzen die Minister und Uni-Rektoren noch einen drauf und zerfasern die Studiengänge, indem unterschiedliche Akademikergrade nebeneinander angeboten werden. Sicherlich kommt dies beim studierenden Nachwuchs gut an und fördert die Entschlusskraft für einen technischen Beruf. Diese Politik ist destruktiv.


Skeptisch, aber herzlichst

Ihr

Bernd Waßmann

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