Schlanke Versorgungsprozesse im Schiffbau auf der Meyer Werft

Routenzüge auf Kreuzfahrt

Dem seit Jahren zunehmenden Wettbewerbsdruck bei der Fertigung großer Kreuzfahrtschiffe begegnet die Meyer Werft mit ihrem System "Schlanker Schiffbau". In der neuen Produktionshalle 11 werden die verschiedenen Sektionen der Schiffe auf einer fließenden Fertigungslinie im vier Stunden Takt mit Isolierungen, Leitungen und Belüftungsanlagen ausgerüstet. Die maßgefertigten Routenzüge von Still versorgen dabei just-in-time beidseitig die Fließlinie mit Ausrüstungsmaterial. Auf diese Weise werden sowohl Bauzeit als auch Fertigungskosten effektiv reduziert. Mit der Auslieferung der Homeric zeigte die Meyer Werft vor 25 Jahren eindrucksvoll ihr Know-how beim Bau großer Kreuzfahrtschiffe. Sie war der Türöffner der emsländischen Schiffbauer zum Weltmarkt. In dem hart umkämpften Markt ist das Unternehmen in der Zwischenzeit zu einem der Global Player aufgestiegen. Innovation, Qualität, optimale Umsetzung der Kundenwünsche, Termintreue und Umweltschutz prägen die Produkte der Werft. Die Reedereien im Kreuzfahrtmarkt wissen es zu schätzen. Aktuell stehen acht große Kreuzfahrtschiffe im Wert von fünf Milliarden. Euro in den Auftragsbüchern. Im Zentrum des Systems Schlanker Schiffbau steht die neue Produktionshalle 11. In der über 350 Meter langen und nahezu 50 Meter breiten Halle bestimmt eine Fließlinie die zeitlich getaktete Ausrüstung der rund 30 x 30 Meter großen Schiffsektionen. Am Ende der Fließlinie werden die ausgerüsteten Sektionen nach einer Zwischenlagerung zum entsprechenden Dock transportiert. Dort werden sie verschweißt und zu einem kompletten Kreuzfahrtschiff ausgebaut.

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Routenzug zur taktgenauen Materialversorgung

Die Meyer Werft reagiert auf den steigenden Wettbewerbsdruck bei Kreuzfahrtschiffen mit einer neuen Produktionshalle. Nr. 11 setzt auf eine ausgeklügelte Vwersorgungsstruktur in der Produktion. (Fotos: Gerd Knehr/Still)

Die besondere Herausforderung ist die Materialversorgung der Fließlinie, da die Geometrie der zu transportierenden Ausrüstungsteile keineswegs einem logistischen Standard entspricht. Das Baukastensystem der Routenzugelemente erlaubt jedoch die individuelle Anpassung auf die innerbetriebliche Situation der Meyer Werft. Der für die Materialversorgung verantwortliche Projektleiter, Christian Meyer, erklärt: "Auf den mobilen Ladungsträgern eines Routenzugs befindet sich taktgerechtes und sektionsspezifisches Ausrüstungsmaterial, wie etwa Rohrleitungen, Kabelbahnen, Klimakanäle, Isolierungen oder überlange Lüftungsrohre auf Sonderladungsträger sowie Rohrkupplungen in Gitterboxen und vieles mehr. Es wird auf den jeweiligen Sektionen innerhalb der Taktzeit verbaut. Für die langen Transportwege haben wir zusammen mit Still einen Routenzug mit dem C-Rahmen Anhängersystem, kurz Liftrunner, entwickelt. Die unterschiedlich großen und rollbaren Ladungsträger, kurz Trolleys, haben wir dabei an die C-Rahmen angepasst." Da die Maximalbelastung pro Ladungsträger rund 500 Kilogramm beträgt, seien mit dem Schlepperfahrzeug R 07-25 auch Routenzüge mit vier C-Rahmen möglich. Die durchgeführten, taktgenauen Berechnungen ergaben jedoch, dass ein Routenzug mit drei Liftrunner ausreichen würde, ergänzt der Projektleiter von Still, Bernd Wildemann.

Ein Dach als Witterungsschutz

Große Strecken der 2,6 Kilometer langen Route werden im Außenbereich zurücklegt. Die Liftrunner wurden daher zusätzlich mit dem geschlossenen Planen-Dach ausgerüstet. Während der Fahrt sind somit die Transportgüter vor der Witterung geschützt. Ein Ausrüstungstakt beträgt vier Stunden. Die Fließlinie setzt sich daher alle drei Stunden in Bewegung und befördert eine Stunde lang sämtliche Sektionen zur gleichen Zeit um einen Bauplatz nach vorne. "Nachdem ein Logistikzug die Zieladresse an der Fließlinie erreicht, werden die Liftrunner abgesenkt. Anschließend werden die Trolleys aus dem C-Rahmen mit dem Fußhebel ausgekoppelt und in einem Taktpuffer zwischen den Hallenstützen für die folgende Ausrüstungssektion bereitgestellt. Auf diese Weise versorgen wir jede Sektion ´just in time´ lückenlos mit Ausrüstungsteilen. Am Montageplatz sind daher nur solche Teile vorhanden, die auch in der Taktzeit verbaut werden. So ist der Materialbestand immer transparent und wird am Montageplatz effizient minimiert", erläutert der Projektleiter der Meyer Werft. Während die Sektionen einen Bauplatz weiter fließen, werden die mobilen Ladungsträger von den Mitarbeitern der Sektionsausrüstung aus dem Taktpuffer entnommen und in einer definierten Bereitstellungsfläche vor der Sektion positioniert. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Ladungsträger mit einem Kran auf der Sektion abzusetzen. Auf definierten Flächen befinden sich zusätzlich mobile Regale mit Verbrauchsmaterial wie Schrauben, Schellen oder Federringen. Der Nachschub für die Regale erfolgt über ein Kanban-System.

Software steuert täglich wechselnde Transporte

Mit dem Programm Routenzug Leitstand werden die Transportaufträge gesteuert und abgearbeitet. Am Ende eines Taktes werden die leeren Ladungsträger vom Routenzug abgeholt und zur internen Vorfertigung für die Kabelbahnen oder Rohrleitungen transportiert. Dort werden die leeren Trolleys auf einer definierten Fläche abgestellt und bereits vorkommissionierte Ladungsträger aufgenommen und zum Bahnhof transportiert. Gabelstapler lagern dort die Trolleys im Kragarmregal ein und stellen sie wieder bereit, sobald ein Auftrag von der getakteten Fließlinie generiert wird. Christian Meyer merkt an: "Die Anzahl der Transporte variiert von Tag zu Tag, da jede Sektion einen unterschiedlichen Ausrüstungsgrad hat. Auch definierte Müllfahrten mit den mobilen Müll- und Schrottcontainer der Halle 11 werden mit dem Routenzug durchgeführt. Weitere Betriebsbereiche sind bereits in der Planung."

Das C-Rahmen Anhängersystem

Durch das Vierradkonzept folgen die patentierten C-Rahmen Anhänger auch in engsten Kurven der Spur des Zugfahrzeuges. Selbst das Befahren von Rampen ist bei der hohen Spurtreue durch die Vierradlenkung problemlos möglich. Derzeit sind zwei Still-Schlepper vom Typ R 07-25 bei der Meyer Werft im Einsatz. Sie besitzen eine Hydraulikeinheit, mit der sie die Liftrunner um 80 Millimeter anheben können. Die Gabeln im C-Rahmen lassen sich flexibel positionieren. Dadurch können unterschiedlichste Trolleys transportiert werden. Viertel-, Halb- und Vollpaletten bis zu Großladungsträger oder Rollgitter- und Regalwagen werden einfach auf den mobilen Ladungsträgern abgestellt. Ferner kann das ausgeklügelte C-Rahmen System gleichzeitig zwei 3.500 Millimter lange und 900 Millimeter breite Sonderladungsträger aufnehmen. Durch Sicherungsbolzen sind die mobilen Ladungsträger automatisch gegen seitliches Herausrollen gesichert. Mit den reibungsarmen Rollen können die Trolleys ohne großen Kraftaufwand von nur einer Person ebenerdig spielend heraus gezogen werden. Fahrzeuge sind untereinander kompatibel Bernd Wildemann hebt hervor: "Alle Liftrunner sind untereinander kompatibel, wobei hydraulische Druckleitungen mit den Schnellverschlusskupplungen das An- und Abkoppeln unterstützen. Die Entnahme und Beladung kann von rechts oder links erfolgen, da die C-Rahmen durch ihre Steckkupplung wahlweise rechts- oder linksöffnend in den Zug eingehängt werden können. Unser Routenzug ist auf diese Weise individuell an die Transportanforderungen anpassbar. Damit wir jedoch die Anhänger nicht ständig abkoppeln und drehen müssen, wird das Ausrüstungsmaterial immer auf der linken Seite angeliefert. Bei der Optimierung haben wir darum die Fahrrouten als Einbahnstraßen-System ausgelegt." Gerd Knehr/bw

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