Heben und Bewegen

Fahr(er)los

Mobile Systeme und Sensorik
Von der Babywindel über Heimtextilien und Filter bis hin zur Bauindustrie gehen die vielfältigen Einsatzgebiete für Vliesstoffe. Aufgewickelt wiegen die Bahnen über vier Tonnen und zum Transport braucht es mehr als einen einfachen Handhubwagen.

In der Vergangenheit waren alle Produktionslinien des Vliesherstellers Corovin, Peine, in einer Linie mit den Wickelmaschinen angeordnet. Benötigt wurde lediglich ein Brückenkran, um die Hülsen (Tamboure) an die zugehörigen Maschinen zu heben. An einer älteren Produktionslinie wird das auch heute noch so gemacht. Bei der neuen Linie in der gleichen Halle ist das Vorgehen nicht mehr möglich, weil sie länger ist und daher keinen Platz mehr lässt für einen nachgeschalteten Wickler. So entschieden sich die Planer bei dem Vlieshersteller für ein fahrerloses Transportsystem (FTS) des Unternehmens Baka, das die materialflusstechnische Verknüpfung der Produktionslinien übernimmt.

Ein FTS gehört zu den so genannten flurgebundenen Fördersystemen und ist ein automatisch geführtes Fahrzeug. Eingesetzt werden sie überwiegend in der innerbetrieblichen Materialflussabwicklung und Anwendungsbeispiele sind die Verkettung von Fertigungseinrichtungen und Montageplätzen oder der Transport schwerer Güter.

Die Herstellung von Vliesstoffen erfolgt meistens im Spinnvliesverfahren bei dem ein Polyester oder anderes Polymergranulat auf geschmolzen und zu einer Art Faser (Filament) gesponnen wird. Die anschließende Verarbeitung zu einem ungebundenen Vlies erfolgt zum Beispiel in Peine. Produziert werden hier die Stoffe auf mehreren Produktionslinien, an deren Enden eine Maschine das rund 4,5 Meter breite Material auf die Hülsen aufwickelt. Auf die Weise entsteht nach rund drei Stunden eine Rolle, die aus einer bis zu 50 Kilometer langen Stoffbahn besteht, cirka 4,5 Tonnen wiegt und einen Durchmesser von 2,5 Metern hat. Nach der obligatorischen Entnahme einer Materialprobe muss die Rolle dann zu den weiterverarbeitenden Maschinen transportiert werden. Die Weiterverarbeitung beinhaltet das Schneiden in Längs- und Querrichtung, das erneute Wickeln und schließlich das Konfektionieren sowie Versenden.

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Verknüpfung von Produktionslinien

Zur Aufnahme eines Tambours steht ein FTS mit der Bezeichnung RTY 4500 am Ende der Produktionslinie bereit. Beladung wird es mit einem manuell bedienten Hallenkran, der die bereitliegende Last mit seinen beiden Haken an der Stahlhülse aufnimmt und sie in die Prismenauflagen des Fahrzeugs legt. Aus Sicherheitsgründen wird die ordnungsgemäße Beladung des Fahrzeugs an den Aufnahmen abgefragt, um unerlaubte Belegungszustände zu verhindern und anschließend gibt der Mitarbeiter das Fahrziel am Bedienpult des abfahrbereiten Gefährts ein.

Induktiv geführt und auf einer rund 60 Meter langen Strecke mit Kurven, bei der es – unter anderem durch Säulen – sehr beengt zugeht, fährt das FTS mit einer Maximalgeschwindigkeit von 1,4 Meter in der Sekunde zum vorgegebenen Ziel. Da sich auf der Strecke auch Mitarbeiter befinden können, sind aus Sicherheitsgründen an allen vier Seiten des Geräts Laserscanner montiert, die bei Bedarf den Fahrzeughalt auslösen. Am vorgegebenen Übergabeplatz (der Wickelmaschine) angekommen, wird das Fahrzeug entladen und anschließend zum Ausgangspunkt zurückgeschickt. Aus Effektivitätsgründen nimmt es meistens gleich wieder eine leere Hülse zur Produktionslinie mit.

Nach allen Seiten

Die Streckenführung machte es erforderlich, das Transportgerät als Vielwege-Fahrzeug auszulegen. So kann es vorwärts, rückwärts und seitlich fahren sowie sich um 180 Grad drehen. Das ist notwendig, weil die Vliesbahn auf der Ober- und Unterseite unterschiedliche Oberflächen hat, die es beim Wickeln zu berücksichtigen gilt. Durch das Drehen des Fahrzeugs und die dann seitenrichtige Ablage des Tambours ist das ordnungsgemäße Aufrollen gemäß Kundenwunsch möglich. Die elektronisch geregelte, elektrohydraulische Lenkung wirkt auf alle vier Räder und das Lenksystem mit standardmäßig zwölf Programmen adaptierten die Vlieshersteller auf ihre spezifischen Verhältnisse.

Die Energieversorgung der FTS übernimmt eine NiCd-Batterie mit 80 Volt und 750 Amperstunden, die sich automatisch über Kontakte auflädt die am „Heimatplatz“, am Ende der Produktionslinie, im Boden eingelassen sind. Geladen wird während der Be- und Entlade- sowie den Wartezeiten des Fahrzeugs auf neue Aufträge. Das automatische Schwerlast-Fahrzeug arbeitet in vier Schichten, also rund um die Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen. ma

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