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Artikel und Hintergründe zum Thema

Logistikdienstleistungen

Digitalisierung ist ein Logistikthema

Trotz höherer Komplexität müssen die Logistikdienstleister die Kosten beherrschen. Auch die Logistik steht vor der Herausforderung Industrie 4.0 und muss auf die veränderten Produktionswelten reagieren. Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. im Interview mit Bernd Waßmann.

Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung BVL. (Foto: BVL)

Mit dem Slogan „Eine Welt in Bewegung“ geht die BVL in ihren 32. Deutschen Logistik-Kongress in Berlin. Was bewegt die BVL und ihre Mitglieder gegenwärtig?
Geänderte Rahmenbedingungen und neue Marktchancen im Wirtschaftsbereich gaben den Anstoß für das Jahres- und Kongressthema „Eine Welt in Bewegung“. Die BVL richtet ihren Blick auf die vielfältigen internationalen Verflechtungen, auf die Entwicklungen der Informationstechnologie, auf wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen – und auf die immer eingeschränktere Prognosefähigkeit von Konjunkturindikatoren. Als wichtigstes übergeordnetes Logistikthema betrachten 31 Prozent der Anfang 2015 befragten BVL-Mitglieder mit großem Vorsprung die Digitalisierung des Wirtschaftsbereiches. Auf der Agenda folgen die Themen Compliance, Prozesse und Organisation (17 Prozent) sowie das Risikomanagement in der Lieferkette angesichts politischer Umbrüche oder sich verändernde Warenströme (16 Prozent). In den Unternehmen beschäftigen sich die Befragten entsprechend vorrangig mit IT-Projekten (29 Prozent) und den Organisationsprozessen (20 Prozent).

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Industrie 4.0 ist zum Schlagwort des Jahres für die produzierende Industrie geworden, ohne dass die Umsetzung bereits breiten Raum gefunden hat. Welche Rolle kann die Logistik hier spielen? Inwieweit sind die Logistiker in die Vernetzung eingebunden?
Mit zunehmender Vernetzung der Produktion und weiterentwickelten Technologien sind mehr Hersteller in der Lage, Produkte nach individuellen Bedarfen kurzfristig herzustellen und direkt zu vermarkten. Neue Geschäftsfelder entstehen, die über traditionelle Branchengrenzen hinausgehen. Für die Logistik, die bereichs- und unternehmensübergreifend tätig ist, bedeutet dies: Erhöhung der Komplexität, Erhöhung der Kosten, aber auch des Kostendrucks. Sourcing, Produktion und Handel werden globaler, Unternehmen agieren auf mehreren Ebenen in einer vernetzten Weltwirtschaft. Dadurch werden Wertschöpfungsketten länger und Wirtschaftsbeziehungen komplexer. Logistik macht Komplexität zwar beherrschbar, aber ein Mehr an Komplexität verursacht höhere Kosten. Diesem Effekt kann begegnet werden, wenn alle an der Wertschöpfung Beteiligten auch die Prozesse außerhalb des eigenen Unternehmens berücksichtigen. Das heißt: Zusammenarbeit mit gleichartigen Unternehmen und mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern praktizieren, Kooperation in Netzwerken horizontal und vertikal umsetzen und so gemeinsam operative Exzellenz schaffen.

Welche eigenen Lösungen verbindet die Logistik mit Industrie 4.0?
Jedem Warenfluss geht ein Informationsfluss voraus, oder er wird von diesem begleitet. Was sich verändert, ist das Denken und Arbeiten in digitalen Netzwerken. Die BVL hat dazu in ihrem Positionspapier „Logistik und IT“ Stellung bezogen. Weitere Effizienzsteigerungen des Wirtschaftsbereichs sind heute vor allem durch einen deutlich höheren Grad an Vernetzung möglich. Die Informatik konsequent vom Standpunkt der Logistik aus zu betrachten und zu gestalten, erscheint deshalb zielführend. Wir bezeichnen dieses neue Handlungsfeld als Informationslogistik. Logistiker werden von reinen IT-Anwendern zu IT-Entwicklern und damit zu Motoren des Digitalisierungsprozesses.

Wie weit reichen die Möglichkeiten der Logistik in die produzierenden Betriebe hinein?
Der Wirtschaftsbereich befindet sich mitten in einem Transformationsprozess. Kollege Michael ten Hompel bringt es auf den Punkt: „Logistik schafft keine Produkte – Logistik schafft Effizienz.“ Seine Dortmunder Forscher prognostizieren, dass sich die Logistik von einer sich reaktiv bewegenden zu einer führenden Instanz in Wertschöpfungsnetzwerken entwickeln wird. Das bedeute einen Paradigmenwechsel vom herkömmlichen Ansatz „Die Logistik bringt die richtige Ware zur richtigen Zeit zum richtigen Ort“ zum neuen Ansatz „Logistik bestimmt, wie welche Ware wann zu welchem Ort bewegt wird.“

Zeichnen sich hier neue und weitergehende Kooperationsformen mit dem produzierenden Gewerbe ab?
Es geht darum, effizient zu denken und zu handeln – um Versorgung und Mobilität zu akzeptablen Kosten sicherzustellen. Dies beschleunigt die Veränderung der Rolle der Logistikdienstleister. Sie werden immer mehr zum Partner von Industrie und Handel. Dafür und benötigen sie ein tiefgreifendes Verständnis der Abläufe bei ihren Auftraggebern.

Mit dem Internethandel ist neuer Schwung in die Logistik eingekehrt. Vor welchen Herausforderungen steht hier die Logistik?
Der Handelsverband Deutschland (HDE) prognostiziert für den Online-Handel für 2015 ein Umsatzwachstum von zwölf Prozent. Damit werden 43,6 Milliarden Euro im Online-Handel umgesetzt. Für alle Online-Services sind die Faktoren Qualität, Zeit und effizientes Retourenmanagement wettbewerbsentscheidend. Leistungsfähige IT-Lösungen und die kooperative Zusammenarbeit mit Kurier- und Expressdienstleistern sind notwendig, diese brauchen aber wiederum engen Schulterschluss mit den Produktions- und Handelsunternehmen, um Rückflüsse von Waren bewältigen zu können.

Verglichen damit klingt das Thema Personalgewinnung eher alltäglich. Ist die Logistik hier auf der Seite der Gewinner?
Bei der Suche nach Fachkräften steht der Wirtschaftsbereich Logistik im Wettbewerb mit der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, dem Handel, den Banken und vielen anderen. Das ist eine Herausforderung, denn über diese Branchen wissen die meisten Menschen deutlich mehr als über die oft im Hintergrund agierende Querschnittsfunktion Logistik. Es gilt also, zu informieren und gleichzeitig an der emotionalen Wahrnehmung zu arbeiten.

Mit bald 250 Milliarden Umsatz erreicht die Logistik den dritten Platz im deutschen Ranking der Wirtschaftszweige. Wird das Image dieser Bedeutung gerecht?
Der Wirtschaftsbereich Logistik ist ein wesentlicher Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung. Seine Bedeutung wird in der breiten Öffentlichkeit im Moment noch unvollständig wahrgenommen. Die Tatsache, dass Logistik für jeden Einzelnen und volkswirtschaftlich dazu beiträgt, Lebensqualität und Wohlstand zu sichern, gilt es künftig besser zu transportieren: Logistik macht die Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen erst möglich. Sie ist niemals Selbstzweck, sondern reagiert immer auf Anforderungen Kunden, vom Produzenten bis zum Verbraucher. Wenn man sie nicht bemerkt, dann funktioniert sie perfekt. Und eine Tätigkeit in einem der vielen Logistikberufe ist mit das Spannendste, das man sich vorstellen kann.

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