Theaterbetriebstechnik

Einfach umgekippt

Tragende Opern-Rolle für Sicherheits-Stoßdämpfer
Die Konstruktion der mit Hilfe von Sicherheits-Stoßdämpfern langsam „kippenden Wand“ am Opernhaus Hannover für das Bühnenbild der Oper „Die Bassariden“.
Für Theatermacher zählt es zu beliebten szenischen Effekten, große, glatte Wände auf ebenen Böden in Zuschauerrichtung kippen zu lassen – Stoßdämpfer von ACE sorgen dabei für eine gelungene Vorstellung.

Das zunächst bedrohlich aussehende Kippen endet dank des zwischen Wand und Boden entstehenden Luftpolsters im sanften Auflegen der Wand in der Horizontalen. Von Anschub und Sicherungsmaßnahmen abgesehen benötigt dieser Effekt wenig technische Vorrichtungen. Komplizierter – und damit für die Konstrukteure unter den Theaterprofis interessanter – wird es, wenn eine Requisitenwand Absätze und Gesimse hat, auf einem Podest steht und mit der Wandoberkante auf dem Bühnenboden aufsetzen soll: Dann klappt das mit dem Luftpolster nicht. Das Bühnenbild für die Oper „Die Bassariden“ in Hannover erforderte jedoch diesen Effekt. Damit das Umkippen einer solchen Konstruktion in der praktischen Theaterrealität tatsächlich funktioniert, erhielt das Hamburger Unternehmen That den Auftrag der technischen Umsetzung. Dabei holte es Sicherheits-Stoßdämpfer von ACE mit auf die Bühne.

Die Aufgabe war knifflig: Die zu kippende Wand sollte nach dem Sturz rückseitig eine Schräge bilden, die einem 70-Personen-Chor als Spielfläche dient. Das Kippen sollte naturgetreu aussehen – also wie beim freien Fall mit zunehmender Umfangs- beziehungsweise Winkelgeschwindigkeit. Für die Reproduzierbarkeit des Vorganges wurde den Konstrukteuren eine Verzögerungsrampe zugestanden – die Wand durfte, wenn sie die Waagerechte fast erreicht hatte, abgebremst werden. Dadurch konnte eine etwas verringerte Fallgeschwindigkeit entstehen. Der zum Erreichen dieses Ziels errechnete Bremsweg entsprach immerhin einer Strecke von 140 Zentimetern. Gegen Ende der Inszenierung sollte sich die Wand wie von Geisterhand wieder aufrichten. Die Anforderung an die szenische Bewegung ist komplex: Nach einer Beschleunigungsphase mit nichtlinearer Beschleunigung erfolgt eine Verzögerung mit Maximalgrenze auch im Störfall, um die Tragkonstruktion der Wand nicht zu überlasten.

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Die Konstrukteure wählten die Möglichkeit, die Wand tatsächlich kippen zu lassen und die Bewegung über Industrie-Stoßdämpfer abzubremsen. Um die maximal auftretende Geschwindigkeit beim Kippen in handhabbarer Größenordnung zu halten, wurde im unteren Bereich der Wand ein Gestell für Kontergewichte von 1.500 bis 2.100 Kilogramm vorgesehen; damit sollte die Dauer des Kippvorgangs verlängert werden. Auch in dieser so genannten Slow-Motion-Variante betrug die maximale Umfangsgeschwindigkeit rechnerisch noch sieben Meter pro Sekunde und die darauf folgende Verzögerung 16 Meter pro Quadratsekunde. ACE hatte die den Anforderungen entsprechenden Dämpfer parat: Sicherheits-Stoßdämpfer vom Typ SCS38-300-F. Sie können bei einem Hub von 300 Millimeter beeindruckende 21.600 Newtonmeter pro Hub abbauen. Üblicherweise sind Dämpfer wie diese speziell für Not-Stopp-Aufgaben konzipiert und schützen die Endlagen von Konstruktionen, etwa bei Portal-Anlagen. Wie ihre noch leistungsfähigeren Verwandten, die Industrie-Stoßdämpfer, sind diese Maschinenelemente drückend wirksam. Beim Abbremsen, also dem Beaufschlagen der Kolbenstange, wird diese in den zylinderförmigen Körper eingeschoben. Dabei wird Hydrauliköl durch Drosselbohrungen verdrängt. Proportional zum verfahrenen Hub nimmt die Anzahl der noch wirksamen Drosselbohrungen ab, die Einfahrgeschwindigkeit wird geringer. Bei optimaler Größe und Anzahl der Bohrungen bleiben der Staudruck und damit die Gegenkraft während des gesamten Hubes nahezu konstant. Um aber in der speziellen Opern-Anwendung der Geometrie des Wandaufbaus zu entsprechen, wurde über ein Zuggestänge aus dem drückend wirkenden ein ziehend wirkendes System konstruiert.
Die Zuschauer staunen bei jeder Aufführung nicht schlecht, wenn die große Wand umkippt, dann dem Chor Spielfläche dient und sich am Ende wieder aufrichtet. ACE hatte außer der Hauptrolle in Hannover noch zwei Nebenrollen zu besetzen: Die Verriegelung der Wand war in Form einer mit einem elektrischen Linearantrieb versehenen Sonderkonstruktion gelöst worden, und der Hebel zum Anschieben des Kipp-Mechanismus war mit einer Industrie-Gasfeder bestückt. pb

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