Gleitlager

"Es ist auch ein grünes Thema!"

30 Jahre Iglidur-Gleitlager. Wer Kunststoff kennt, nimmt Stahl. Das ist ein Spruch unter den Maschinenbauern. Aber längst sind die wartungs- und schmierfreien Gleitlager von Igus in unzähligen Anlagen verbaut - weil die Möglichkeiten und Vorteile zunehmend überzeugen. Mit Gerhard Baus, dem Prokuristen des Geschäftsbereichs Kunststoff-Gleitlager, sprach handling-Chefredakteurin Petra Born.

Igus fertigt standardmäßig bis 225 Millimeter Durchmesser große Lager - größer geht es aber auch. (Foto: Born)

handling: Herr Baus, Iglidur ist nun 30 Jahre alt. War dieser neue Werkstoff damals ein Zufallsprodukt des Plastikherstellers Igus?

Günter Baus: Nein, ein Zufallsfallprodukt war Iglidur nicht. 1983 war Igus schon 19 Jahre alt, und Gleitlagerwissen hatte die Firma bereits. Günter Blase, der aus der Kunststofftechnik kam und den Fokus auf Spritzguss legte, fuhr damals zu verschiedenen Unternehmen in der Region und fragte Lager-Bedarfe ab. Konkret wollte er erfahren, was genau die Firmen benötigten, aber bislang nicht am Markt bekommen konnten. Im Wesentlichen waren es dann zwei Firmen, die uns den Anschub für ein neues Lager gaben: Ein bekannter Textilmaschinenhersteller, der bislang Messingbuchsen verwendete, suchte ein schmier- und wartungsfreies Kunststofflager, weil große Mengen an Flusen, Schmutz und Staub an den schmierigen Lagern ein Problem waren und die Maschinenfunktion beeinträchtigten. Die zweite Firma, die offen war für eine neue Lagertechnologie und zu den allerersten Kunden gehörte, stellte Vergaser und Automobilteile her. Aus diesen konkreten Nachfragen und Anforderungen entstand der Gedanke, ein Lagerprogramm zu entwickeln, das wartungsfrei ist. Daraus wurden die ersten Compoundlager aus Kunststoffen, verstärkten Fasern und Festschmierstoffen entwickelt. Dies war im Grunde die Geburtsstunde von Iglidur vor 30 Jahren.

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handling: Existiert dieser Stoff Iglidur, wie er sich 1983 zusammensetzte, noch heute?

Baus: Einer der heute existierenden Lagerwerkstoffe, unser Iglidur G, entspricht tatsächlich noch weitgehend dem Iglidur von damals. Wir führen inzwischen 40 verschiedene Werkstoff-Versionen für verschiedene Einsätze. Dabei ist die Grundidee geblieben: Thermoplast mit Verstärkungsstoffen und Schmierstoffen zu kombinieren zu einem Hochleistungswerkstoff, den man als Lager einsetzen kann. Die Anforderungen von der Anwendungsseite her und von den Lagergegebenheiten sind sehr unterschiedlich, sodass man die Einsatzfälle gewissermaßen clustern kann, zum Beispiel für hohe Temperaturen, im Chemieumfeld, im Unterwassereinsatz oder im Lebensmittelbereich.

handling: Wieviele Mitarbeiter beschäftigen Sie in der Iglidur-Rezepteküche, in der sicher immer wieder neue Kompositionen ausprobiert werden?

Baus: Es sind derer fünf, wenn man es eng betrachtet und das Befassen mit der eigentlichen Rezeptur meint. Nimmt man auch die diversen Tests dazu, also nicht nur das Wissen über den Werkstoff selbst, sondern auch das Wissen darüber, was der Werkstoff konkret kann sowie seine Berechenbarkeit, was wir ja im Sinne der jeweiligen Anwendung als Gesamtpaket betrachten, dann ist der Kreis deutlich größer; im Bereich der Materialentwicklung sind etwa 20 bis 25 Mitarbeiter tätig.

handling: Simpel ausgedrückt ist ein solches Gleitlager nichts weiter als ein Stück Plastik. Ich kann mir vorstellen, dass es bei manchen Maschinen- und Anlagenbauern, die lieber ein ordentliches Stück Metall in der Hand halten, Vorbehalte gibt. Da ist also noch einiges zu holen für Igus?

Baus: Das glaube ich auch! Tatsächlich gibt es noch einige Vorbehalte. Aber wir stellen fest, es wird besser mit der Zeit. Denn Kunststoff hat mittlerweile auch in vielen anderen Bereichen Einzug gehalten und seine Vorteile bewiesen. Zum Beispiel beim Gewicht, er ist formbar, auch in komplexen Formen einfach und massenweise herstellbar, hat beinahe unglaubliche Möglichkeiten der Anpassbarkeit durch verschiedene Mischungen. All diese Variationsmöglichkeiten gibt es bei Metallen nicht. Aber es stimmt, der typische Maschinenbauer glaubt an die Metalle. Oft geht der Spruch in der Branche um: "Wer Kunststoff kennt, nimmt Stahl". Und auch an den Hochschulen fristet das Thema Maschinenelemente aus Kunststoff immer noch ein Schattendasein. Aber es gelingt uns zunehmend, mit guten Referenzen und guten Stories über geglückte Einsätze, zum Beispiel mit unserem Manus-Wettbewerb, die harten Skeptiker weichzukriegen und sich mit dem Thema zu beschäftigen.

handling: Ja, der Manus - geradezu ein Geniestreich, weil Igus damit automatisch neue Anwendungen generiert und ein riesiges Tor für potenzielle Kunden öffnet. Mir scheint, diese Idee tut beiden Seiten gut?

Baus: In der Tat haben beide Seiten etwas von dieser Initiative. Wir kommen dann natürlich oft ins Gespräch über eine weitere Zusammenarbeit, etwa auch für andere Anwendungen. Und für die einreichenden Unternehmen ist eine Manus-Auszeichnung höchst werbe- und öffentlichkeitswirksam und natürlich eine besondere Anerkennung für die Ingenieure und Konstrukteure. Es gibt durchaus auch geschäftsprägende und geschäftsverändernde Wirkungen. Ein früherer Gewinner hat nach den Veröffentlichungen so viel Zuspruch erhalten, dass er sich spezialisierte und nun hauptsächlich genau diese Baugruppen fertigt. Diese Firma hat ihr eigentliches Geschäftsfeld verändert, und es ist auf diese Weise gelungen, neues Wachstum zu generieren.

handling: Diverse Studien weisen darauf hin, dass Mangelschmierungen erhebliche Kosten durch Maschinenausfälle verursachen, außerdem erhöhte Betriebskosten aufgrund der Schmierung an sich. Wie gehen Sie vor, um auf das Spar-Potenzial durch Trockenlager aufmerksam zu machen?

Baus: Dieses Thema ist wichtig, und wir haben zum Beispiel in den Vereinigten Staaten verstärkt auf das Thema Kosten aufmerksam gemacht. Worauf wir aber besonders aufmerksam machen wollen, ist der Verzicht auf Schmierung als solche. Denn es stellt sich die Frage, wie viel Schmierstoff im Grundwasser und in unseren Böden versickert. Schmierstoffe verschmutzen Luft, Wasser und Boden, darauf wollen wir verstärkt hinweisen. Natürlich sind die Kosten aus erhöhter Reibung und mehr Verschleiß relevant, aber für uns bei Igus ist es wichtig zu konstatieren, dass wir im Jahr rund 500 Millionen Lager herstellen, und das sind 500 Millionen schmierstofffreie Lagerstellen - quasi 500 Millionen Tropfen Öl, die nicht in der Umwelt landen. Insofern sind unsere Iglidur-Gleitlager auch ein grünes Thema!.

handling: Herr Baus, vielen Dank für das Gespräch.

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