Interview mit Jörg Ottersbach

„Die nächste Stufe zünden“

Igus präsentiert der Fachwelt fortwährend Neuheiten. Mit dem jüngst aufgelegten Energiekettensystem P4.1 bringt das Unternehmen sein Know-how als Spezialist für schmierfreie Gleitlager auch in die Energieführungen ein. Mit dem Leiter Geschäftsbereich E-Ketten Jörg Ottersbach sprach handling-Chefredakteurin Petra Born über diese und weitere Entwicklungen.

Jörg Ottersbach, Head of Business Unit e-Chains bei Igus. © Igus

Herr Ottersbach, Sie haben tribologisch optimierte Iglidur-Gleitlager in dem Kettensystem P4.1 als Highlight vorgestellt. Damit verknüpfen Sie erstmals Ihre Kernkompetenz Gleitlager mit der Kernkompetenz Energieführungen. Wieso erst jetzt?
Die Anforderungen an Energieketten werden immer höher. Wege werden länger, Geschwindigkeiten höher, Zusatzlasten größer, Umgebungsbedingungen anspruchsvoller und extremer. Den Ketten wird innerhalb kürzester Zeit alles abverlangt. Wenn man zum Beispiel die großen Häfen weltweit betrachtet, wo unsere Produkte in zahlreichen Anwendungen auf Ship-to-Shore-Kranen arbeiten, bei Wind und Wetter, Eis und Schnee und Hitze, wird die enorme Laufleistung der Ketten, die hier verlangt wird, deutlich. Bei der Containerentladung geht es auf Zeit, und die Geschwindigkeiten der Katze betragen nicht mehr ein oder zwei Meter pro Sekunde, sondern eher vier Meter pro Sekunde - Anfragen liegen aktuell von Projekten mit fünf Metern pro Sekunde vor. So wird klar, dass wir hinsichtlich der Werkstoffe und der Leistungsdaten der Kette die nächste Stufe zünden müssen.

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Wie muss der Anwender sich die technologische Verbesserung der P4.1 konkret vorstellen?
Wir haben zum Beispiel die Geometrie der Kette verändert, ein paar Kniffe eingebaut, aber der Clou ist, dass wir als Lager an jedem Kettenglied Kunststoffgleitlager verwendet haben, die aus unserem anderen Unternehmensbereich kommen. Eine konkrete Anwendung der P4.1 gibt es bereits in den Niederlanden bei einem Kran unter rauesten Umgebungsbedingungen, konkret beim Entladen von Kohle. Messungen und Tests zeigen uns hier, dass wir die Lebensdauer mindestens verdoppeln.

Wie muss ich mir diese Tests vorstellen, um zum Ergebnis der doppelten Lebensdauer zu gelangen?
Die Anwendung läuft bereits seit zwei Jahren live beim holländischen Kunden mit den ersten optimierten P4.-E-ketten, die hier im Einsatz sind. Wir bauen immer wieder Teile aus, untersuchen sie, vermessen sie und vergleichen sie mit den vorliegenden Referenzdaten. Erfahrungen aus dem Feld und konkrete Ergebnisse aus dem Testlabor verifizieren das Ergebnis: Durch die Tribo-Lagerung hält die Kette mindestens doppelt so lang.

Wartungsfreie Gleitlager und Verschleißsensoren sorgen für eine deutlich längere Lebensdauer der P4.1. in Kran- und Portalanlagen gegenüber der herkömmlichen Rollenkette. © Igus

Haben Sie für die P4.1 ein neues Gleitlager entwickelt, oder konnten Sie sich aus Ihrem Iglidur-Gleitlagerbaukasten bedienen?
Wir haben einen standard Gleitlagerwerkstoff verwendet - die Form des Lagers ist eine Sonderform - extra für die P4.1 (mit Verdreh- sicherung, schmier- und wartungsfreies Gleitlager).

Wer eigentlich hatte die Idee bei Igus, Know-how aus dem Geschäftsbereich Gleitlager dem Geschäftsbereich Energieketten zunutze zu machen?
Anspruchsvolle Anwendungen unter extremen Lasten, mit Ölen und hohen abrasiven Einflüssen hatten wir in der Vergangenheit schon immer. Aus der Entwicklungsabteilung kam der Anstoß, ein passendes Gleitlager in die Kette zu verbauen um die Lebensdauer zu erhöhen. Wir haben mit der verdoppelten Lebensdauer, wahrscheinlich ist es sogar mehr, jetzt einen echten Sprung gemacht.

Optional integrieren Sie einen Verschleißsensor zur vorausschauenden Wartung. Welche konkreten Parameter erfasst dieser Sensor?
Der Abrieb wird erfasst, der Sensor misst also die Distanz, das entstehende Spiel, das wir vermeiden wollen. Aber auch andere Sensoren sind adaptierbar, zum Beispiel die vorherrschende Zug- oder Schubkraft.

Welche Möglichkeiten hat der Anwender, die Überwachung auf seine Bedürfnisse anzupassen?
Es gibt einen Baukasten, aus dem der Anwender entsprechend wählen kann, welche Parameter er sensorisch erfassen möchte.

Welche Kunden wünschen Sie sich für die tribo-verbesserte Energiekette?
Da kommen sicher Anwendungen mit extremen Werkstoffbeanspruchungen in Frage, also Einsätze draußen, bei extremen Temperaturen, mit langen Verfahrwegen, mit hohen Schub- und Zugkräften, bei großen Zusatzlasten, hohen Geschwindigkeiten und mit schnellen Zykluszeiten.

Ihr Energiekettenportfolio ist umfassend. Sie führen sicher schon wieder etwas Neues im Schilde – verraten Sie es?
Wir arbeiten permanent an vielen spannenden Innovationen, darunter die Neuheiten, die wir auf den nächsten Messen vorstellen. Über eine Designstudie zum Beispiel dürfen wir schon etwas verraten: eine Art Seil-System für lange Verfahrwege, aber ohne die herkömmliche Führungsrinne und ohne dass Schubkräfte auftreten. Bei dieser neuen Art Schwebesystem wirken nur Zugkräfte, es ist eigentlich gar keine richtige Kette. Das Besondere ist, dass auch bei einer Schubbewegung nur Zugkräfte aufgenommen werden, was wir durch eine Umlenkung erreichen. Wir nennen das System Pull-e-Chain, es läuft bereits, und wir wollen es zur Serienreife bringen, um in Sachen Geschwindigkeit und Verschleiß einen richtig großen Schritt nach vorn zu gehen. Unser Ziel ist es, nicht nur Erweiterungen im Größensortiment oder verbesserte Funktionalitäten bei bestehenden Serien herauszubringen, sondern Produkte, die zwar derzeit noch nicht lieferbar sind, von denen wir aber glauben, dass wir mit ihnen neue Nischen bedienen können.

Die Branche bleibt gespannt.
Herr Ottersbach, vielen Dank für das Gespräch.

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