Lagertechnik

Die Schatztruhe der Bischöfe

Laut Marktforschungsunternehmen GfK ist die Weltbild-Gruppe mit einem Marktanteil von 18 Prozent Marktführer im deutschen Buchmarkt. Im Geschäftsjahr 2010/2011 erwirtschafteten die 6.400 Mitarbeiter des Unternehmens einen unkonsolidierten Konzernumsatz von mehr als 1,6 Milliarden Euro. Der Multichannel-Anbieter vertreibt seine Artikel über Katalog, Filialen und das Internet. Eigner sind die deutschen Dioziösen - noch. Denn tief im Lager von Weltbild fand sich kürzlich auch erotische Literatur (Umsatzanteil 0,017 %),à la Charlotte Roches 'Schoßgebeten', die so gar nicht zur Moral eines kirchlichen Hauses passen soll. Zornig beschlossen die frommen Kirchenfürsten: Das Traditionsunternehmen soll veräußert werden. Das wird wohl nicht vor 2013 der Fall sein, schätzen Fachleute. Bis dahin bedienen die Kirchen-Logistiker die Kundschaft weiter mit Literatur, CDs und DVDs sowie Geschenkartikeln aus der Abteilung Krimskrams. Der Online-Shop bietet drei Millionen Artikel an. Gelagert werden 30.000 Artikel. Ein rasanter Wandel des Händler: "In den 1990er-Jahren hatte wir einen Katalog, in dem drei- bis viertausend Artikel beworben wurden", erinnert sich Karl Strüning, Logistikleiter der Verlagsgruppe Weltbild. "Damals haben wir in unseren Lagern bis zu 6.000 Artikel bevorratet." Doch dann kam das Internet - mit immensen Auswirkungen auf die Logistikprozesse der Verlagsgruppe. Denn jetzt wurde plötzlich das gesamte Sortiment angeboten. Gleichzeitig stieg auch die Anzahl der bestellten Artikel pro Tag rasant, wie Strüning berichtet: "Heute liefern wir in Spitzenzeiten 120.000 Aufträge pro Tag aus. Diese haben jeweils durchschnittlich zwischen drei und vier Auftragspositionen."

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Lagertechnik sichert Nachschub

Weltbild versendet nicht nur Bücher, sondern auch CDs, DVDs, Software, Haushaltsartikel, Spiele oder Geschenkartikel.

Dieser Durchsatz ist nur mit modernster Logistik möglich. Basis dafür bildet das im Jahr 2000 in Augsburg gebaute Logistikzentrum. Es ersetzte acht dezentrale Außenlager und ermöglichte so eine deutlich schnellere Belieferung der Weltbild-Kunden. Die Lagertechnik lieferte Viastore Systems, Stuttgart. Bereits 2004 musste das Lager erweitert werden. Heute unterteilt sich das Logistikzentrum in mehrere Bereiche: Größter Teil ist das 14-gassige Hochregallager mit Platz für mehr als 75.000 Paletten, das von 14 vollautomatischen Regalbediengeräten (RBG) des Typs Viapal bedient wird. Hauptsächliche Aufgabe ist es, den Nachschub für das direkt angegliederte Teilmengen-Entnahmelager zu liefern. Dieser zweite Lagerbereich bietet in 32 Gassen Platz für knapp 10.000 Europaletten und dient der artikelbezogenen Vorkommissionierung: Nach dem Prinzip Mann-zu-Ware werden mit Hilfe der RBG vom Typ Viasprint mitteldrehende Artikel von den eingelagerten Paletten abgegriffen und in einer Kommissionierzone für die auftragsbezogene Kommissionierung zur Verfügung gestellt. Artikel, die in kleineren Mengen bevorratet werden, finden sich in einem zusätzlichen sechsgassigen vollautomatischen Kleinteilelager mit Platz für rund 42.000 Behälter wieder. C-Artikel schließlich werden in einem manuellen, mit Durchlaufregalen ausgestatteten Lager mit einer Grundfläche von 6.500 Quadratmetern bevorratet. Viastore lieferte für diese Lagerbereiche damals nicht nur die Lagertechnik, sondern auch die Software Viadat zur Verwaltung und Steuerung.

Einstufige Kommissionierung zeigt die Grenzen

In den angeschlossenen Versandstraßen werden die Artikel in die Kartons oder Behälter gepackt und versandfertig gemacht. Zwei- bis dreimal am Tag erfolgen Fakturläufe, bei denen die anstehenden Aufträge zusammengefasst und die entsprechende Gesamtzahl der benötigten Artikel aus den drei Lagerzonen bereitgestellt werden. Schnelldreher kommen dabei aus dem Hochregallager palettenweise direkt an die Versandstraßen, ansonsten aber werden die Artikel zunächst in der Kommissionierzone in Durchlaufregalen gepuffert und erst dann auftragsbezogen kommissioniert. "Wir hatten früher eine einstufige Kommissionierung, bei der wir mit einem Behältersystem an Durchlaufregalen vorbeigefahren sind. Doch das hatte Grenzen beim Durchsatz", erläutert Karl Strüning. Deshalb hat sich Weltbild im neuen Logistikzentrum für eine zweistufige Kommissionierung entschieden.

Online finden Kunden drei Millionen Artikel

Heute kommissionieren die Mitarbeiter in der Kommissionierzone mit Hilfe einer ausgedruckten Etikettenliste die benötigten Artikel aus Durchlaufregalen in sogenannte Pick-Wagen. Das sind Gitterwagen mit mehreren Regalebenen. Jedem Auftrag wird eine Fachnummer, sozusagen ein Lagerplatz, auf dem Pick-Wagen zugeordnet. Aus dem Pick-Wagen wird die Ware dann in Kartons gepackt. Sie sind mit einer Nummer versehen, die der Fachnummer auf dem Pick-Wagen entspricht. Die Kartons laufen, ohne zu stoppen, auf einem Stetigförderer an der Kommissionierzone vorbei; der Mitarbeiter nimmt die vorher kommissionierten Artikel aus dem nummerierten Fach des Pick-Wagens und legt sie in den vorbeilaufenden Karton mit der gleichen Nummer. Mit diesem Konzept können allein in der großen Versandstraße mehr als 3.000 Sendungen pro Stunde kommissioniert werden. Dabei umfasst das Artikelspektrum von Weltbild längst mehr als nur Bücher: Hörbücher, Musik und DVDs gehören ebenso dazu wie Software und Games, Praktisches und Dekoratives für den Haushalt, Spielwaren oder Geschenkartikel. ¿Heute lagern wir hier ein Sortiment von 30.000 Artikeln und bieten im Onlineshop insgesamt drei Millionen Produkte an¿, schildert Karl Strüning. Gerade das Internet sorgt für ein kräftiges Wachstum des Multichannel-Anbieters: Hier erzielte die Weltbild-Gruppe im Geschäftsjahr 2010/2011 ein Wachstum in Deutschland von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit gehört Weltbild zu den am stärksten wachsenden E-Commerce-Unternehmen am Markt. Nach GfK-Angaben ist Weltbild zum drittgrößten Online-Shop in Deutschland nach Amazon und eBay aufgestiegen.

Lagersoftware wird angepasst

Für die taggenaue Steuerung der Multichannel-Aktivitäten erneuert der Konzern derzeit seine gesamte IT-Landschaft. Strüning: "Wir wollen in Zukunft den Kundenauftrag, sobald er erfasst ist, direkt fakturieren und damit an die Logistik weitergeben." Dazu soll 2012 das bisherige ERP-System, eine individuell programmierte Software auf Basis einer IBM ES9000, durch SAP ersetzt werden. Allerdings sind die Logistikprozesse - die bisher vom ERP-System gesteuert wurden - bei Weltbild so speziell, dass sie im neuen WMS flexibler abgebildet werden konnten. Funktionen wie Pick-Wagen-Bildung, Packstückermittlung und damit Festlegung der Versandstraße oder die Definition von Schnell-, Mittel- und Langsamdreher erforderten eine hohe Individualisierung der Lagerverwaltungs-Software. Zudem musste eine Vielzahl unterschiedlicher Subsysteme integriert werden - von den Steuerungen der automatischen Lagerbereiche bis zum Kippschalensorter von Beumer, der zur Filialbelieferung installiert ist. Daher sollte SAP als Host-System sowie ein separates Warehouse-Management-System implementiert werden. Natürlich lag es nahe, die bereits in den drei Lagerbereichen vorhandene Software Viadat zu nutzen und auszubauen. "Wir haben mehrere Software-Häuser angefragt. Viastore managt mit ViadatWMS bereits die komplette Nachschub-Logistik. Das war ein großer Vorteil", schildert Logistikleiter Strüning. Zudem ist Viastore ein zertifiziertes SAP-Systemhaus. "Wir sind daher sehr gut aufgehoben, insbesondere bei den Schnittstellen zwischen dem WMS und SAP." Absolute Priorität hatte aber die Leistungsfähigkeit der Software, wie Strüning unterstreicht: "Die Software muss auch in Spitzenzeiten, also vor allem im Weihnachtsgeschäft, die Auftragsmenge in der Geschwindigkeit bewältigen, die wir brauchen. Wenn die Software zu langsam ist, leidet die Durchlaufzeit." Auch die Schnittstelle zwischen WMS und SAP musste entsprechend leistungsfähig sein.

Schrittweise Umstellung im laufenden Betrieb

"Vom Datendurchsatz her ist das das größte Projekt, das wir bisher mit Viadat realisiert haben", betont Dr. Wilfried Kugler, verantwortlicher Ressortleiter bei Viastore. Für ihn war es allerdings ebenso wichtig, ein Konzept zu entwickeln, mit dem ein Umstieg ohne Störungen gewährleistet war, denn die Umstellung sollte im laufenden Betrieb erfolgen. "Das Risiko, SAP und ein neues WMS gleichzeitig einzuführen, wäre hier zu hoch gewesen", sagt Kugler. Daher entschieden die Projektbeteiligten, zuerst das neue WMS zu implementieren. Erst im zweiten Schritt sollte SAP eingeführt werden. Auch die Implementierung des WMS selbst folgte einem Stufenkonzept, wie Thomas Rieger, IT-Projektleiter von Viastore erläutert: "Die WMS-Aufgaben, die bisher die ES9000 ausgeführt hat, wurden schrittweise aus dem alten ERP-System herausgelöst und verlagert." Dem entsprechend erfolgte die Umstellung Versandstraße für Versandstraße: Begonnen wurde mit der Versandstraße VTG, die am wenigsten Schnittstellen zu Subsystemen aufwies und die geringste Last zu bewältigen hatte. Nur für diese Straße wurden die Prozesse rund um Kommissionierung und Versand übertragen. Erst nachdem diese Straße erfolgreich unter Viadat lief, wurde die nächste Versandstraße umgestellt. Die Prozesse selbst wurden dabei nicht verändert. Für die Mitarbeiter im Lager sollte sich nichts ändern. "Eine Software-Umstellung und eine gleichzeitige Prozessumstellung hätte hier zu einer zeitweilig sinkenden Produktivität führen können", so die Einschätzung von Kugler, der schon viele ähnliche Projekte begleitet hat. Am Ende der ersten Umstellungsphase lief das ES9000-System dann nur noch als reiner Host, während alle Logistikprozesse in Viadat verarbeitet wurden. Zwischen beiden Systemen besteht jetzt nur noch eine normale Auftragsschnittstelle. Damit muss später nur noch das Host-System getauscht, also ES9000 durch SAP ersetzt werden, ohne dass noch einmal in das Warehouse-Management eingegriffen wird. Diese schrittweise Umstellung erforderte allerdings ein besonderes Projektmodell, wie Karl Strüning erklärt: ¿Wir wollten möglichst schnell in die Realisierung gehen.¿ Zumal die Software-Spezialisten von Weltbild bereits seit der ersten Implementierung von Viadat vor mehr als zehn Jahren das System immer wieder an die individuellen Anforderungen angepasst haben. ¿Mit unserem Know-how haben wir sehr kurze Reaktionszeiten ¿ wenn erforderlich haben wir innerhalb von zehn Minuten einen Software-Experten an der Anlage¿, bemerkt Strüning. Die Vielzahl der individuell zu programmierenden Prozesse jedoch vorab in einem Pflichtenheft zusammenzufassen, hätte einen immensen Aufwand bedeutet. Daher vereinbarten alle Projektbeteiligten, zunächst nur ein grobes Konzept-Pflichtenheft zu verfassen. Vor jedem Umstellungsschritt wurde dann das jeweilige Kapitel noch einmal detailliert durchgegangen und auf dieser Basis die zu implementierende Software genau definiert.

Die Durchlaufzeiten sollen kürzer werden

Der Erfolg dieser schrittweisen Vorgehensweise spricht für sich: "Die gesamte Umstellung verlief ohne Störungen des Versandgeschäfts", wie Logistikleiter Strüning betont. Wenn dann SAP als ERP-System eingeführt ist, will Strüning die Aufträge realtime - und nicht mehr batchweise - an das WMS übertragen und damit die Durchlaufzeiten senken: "Mit dem neuen System wollen wir Bestellungen, die bis 12 Uhr aufgegeben werden, auch noch am gleichen Tag verpacken und an die Post übergeben." Er plant zudem weitere Optimierungen: Die Pick-Listen sollen durch eine Funklösung ersetzt werden, und die physischen wie verplanten Bestände sollen zu jedem Zeitpunkt exakt erfasst werden. Optimierungen, für die das neue Warehouse-Management-System die notwendige Flexibilität, Leistung und damit Zukunftssicherheit bietet.

bw

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