Lagertechnik

Das musikalische Lager

Als einer der großen Musikalienhändler Europas erwarb sich die Kölner Music Store in den letzten Jahren insbesondere im Online-Versandhandel einen Namen bei Profi- und Hobbymusikern über die Grenzen Deutschlands hinaus. Das umfassende Sortiment von über 60.000 Artikeln und kundenfreundlicher Lieferservice bescherten dem Unternehmen überproportionales Wachstum, wodurch auch die Anforderungen an die Logistik gewaltig anstiegen.

Im Wareneingang von Music Store werden die Artikel via Handscanner im System erfasst und an das Fördersystem übergeben. (Fotos TGW)

Kurzfristig wich das Unternehmen auf zusätzliche, dezentrale Lagerstandorte aus, langfristig war das Wachstum damit aber nicht abbildbar. Dewnn die Situation war nur schwer beherrschbar: Ein Einzelhandelsgeschäft in der Kölner Innenstadt, wo Teile der Verwaltung untergebracht waren, ein Zentrallager mit Call-Center und der übrigen Verwaltung und fünf dezentrale Außenlager. Deshalb machte sich Music Store auf die Suche nach einem besseren Standort, an dem alles unter einem Dach angeboten werden kann.

Kurze Lieferzeiten, hohe Verfügbarkeit
Mehr als 70 Prozent des Jahresumsatzes von deutlich über 100 Mio. Euro macht Music Store gegenwärtig über das Versandgeschäft . Das Unternehmen verschickt bis zu 6.000 Pakete pro Tag, hauptsächlich an Kunden in Deutschland und im europäischen Ausland. Um im Online-Wettbewerb die Nase vorn zu haben, setzt Music Store neben Preisen auf eine hohe Verfügbarkeit der Waren und kurze Reaktionszeiten. Aus diesem Grund wird im Shop immer alles aktuell organisiert. Über eine Synchronisation zwischen dem hauseigenen ERP-System und dem Shop kann Music Store Warenverfügbarkeit, Preisänderungen, etc. permanent abgleichen. Die Waren werden größtenteils am Tag, an dem die Bestellung eingeht, verschickt. Je nach Lieferort trifft die Ware dann 24 oder 48 Stunden nach der Bestellung zu Hause beim Kunden ein. Insbesondere zu den saisonalen Spitzen rund um Weihnachten sowie jeweils zum Versand des neuen Music Store Katalogs im Frühjahr und im Herbst stellt das die Logistik vor besondere Herausforderungen. Die Größe der Aufträge variiert ebenfalls enorm. Während bei Bestellungen aus Deutschland aufgrund der versandkostenfreien Zustellung ab25,00 Euro Bestellwert häufig 1- bis 2-Artikel-Aufträge vorkommen, herrschen bei Bestellungen aus anderen europäischen Ländern Sammelbestellungen vor, um die von Music Store angebotene Flatrate bei den Versandkosten optimal auszunutzen. Die Retourenquote liegt bei Music Store mit rund acht Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der Online-Handelsbranche. Dies wird auf die Genauigkeit der Musiker zurückgeführt, welche die bestellten Produkte gezielt aussuchen. Dennoch war es für den Musikalien-Versender wichtig, in der Neugestaltung der Logistikprozesse auch eine entsprechende Prophylaxe für die Zukunft einzubauen, wie z.B. eine Überprüfung der Instrumente vor dem Versand.

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Gebäude um die Logistik geplant
Aufgrund des Wachstums, der Engpässe in der Logistik und der Ausweitung des Online-Geschäfts ging man bei Music Store 2008 daran, die tatsächlichen Anforderungen zu analysieren. Als Partner holte Music Store sich das Hamburger Beratungsunternehmen Pierau Planung ins Boot. Gemeinsam wurden zunächst die Logistikprozesse und die erforderlichen technologischen Lösungen analysiert. Die einzusetzende Technik war hier wegweisend für die benötigte Fläche, die die Wahl des Baukörpers definierte. Mit diesem Baukörper wollte man aber nicht nur ein Lager in einem funktionellen Bau realisieren. Ziel war vielmehr, ein modernes Einzelhandelsgeschäft mit zu integrieren und ein Highlight für die Kunden und für Köln zu setzen. Dementsprechend wichtig war auch die Auswahl des richtigen Standortes. Nahe an der Kölner Innenstadt, direkt an der Stadtautobahn fand man das passende Grundstück, an dem man schlussendlich auch die Genehmigung für das geplante Hochregallager mit 24 Meter Höhe erhielt. Der Standort wäre rein für die Logistik zu teuer gewesen, aber durch die Kölner Zoobrücke, an der täglich 120.000 Autos entlang fahren, erhält der Standort eine zusätzliche Gewichtung. Die Werbewirksamkeit und die gute Infrastruktur mit direkter Anbindung an das Autobahnkreuz Köln Ost gaben schließlich den Ausschlag für die Entscheidung, in diesen Standort zu investieren. Nach intensiver Unterstützung erstellte Music Store die Ausschreibungsunterlagen und lud einige Anbieter zur Angebotsabgabe ein. Man entschied sich dafür, alle Teilgewerke der Logistiklösung separat auszuschreiben, den Stahlbau, das Hochregallager, das AKL, die Kommissionier-Tower und den Materialflussrechner.

Generalunternehmer für Mechatronik
Das Mechatronik-Gewerk wurde schlussendlich aber an einen Generalunternehmer vergeben. Music Store fasste Vertrauen zu TGW, da hier das mechatronische Leistungspaket aus einer Hand stammt und ein zentraler Ansprechpartner für die Umsetzung vorhanden ist, inklusive der Service- und Wartungstätigkeiten nach der Realisierung. Nur der Stahlbau und der Materialflussrechner wurden separat vergeben, sodass der doch erhebliche Koordinationsaufwand zwischen den Gewerken reduziert werden konnte. Außerdem wurde die SPS (speicherprogrammierbare Steuerung) seitens TGW so adaptiert, dass Music Stores Partner für den Materialflussrechner eine passende Schnittstelle zur Verfügung hatte. Täglich kommen einige hundert Paletten mit Neuware ins Logistikzentrum. Die hauptsächlich in Fernost produzierten Eigenmarken werden direkt in 40-Fuß-Containern angeliefert, Artikel großer Labels kommen meist palettenweise von den jeweiligen Europazentralen. Die Paletten werden entweder direkt zur Einlagerung in das Paletten-Hochregallager an die Fördertechnik übergeben und mittels Handscanner im System erfasst oder an einen der sechs Umpack-Arbeitsplätze transportiert. An diesen Arbeitsplätzen werden einzelne Originalkartons von der Palette genommen, per Scan identifiziert und an die Fördertechnik übergeben, oder kleinere Waren werden in Behälter umgepackt und ebenfalls automatisch weitertransportiert.

Überladung zulässig
Im 24 Meter hohen Hochregallager finden fast 14.000 Paletten in doppeltiefer Lagerstruktur Platz. Jedes der sechs Regalbediengeräte ist mit einem einfachtiefen und einem doppelttiefen Lastaufnahmemittel ausgestattet, um die Durchsatzleistung zu erhöhen. "Ein wichtiges Detail der Lösung war für Music Store, dass die Paletten auf jeder Seite um zehn Zentimeter überladen werden können, weil die Produkte auf einer Standard-Europalette mit 1.200 x 800 Millimeter Grundfläche teilweise nicht Platz fanden", erklärt Gernot Kratky, Projektmanager bei TGW. Ausgelagerte Paletten werden von den Mitarbeitern manuell zerlegt und die einzelnen Produkte in Durchlaufregalen zur Kommissionierung bereitgestellt. Die im Wareneingang bereits vereinzelten Produkte gelangen über das Fördersystem in das automatische Kleinteilelager, in dem ca. 15.000 Behälter und Kartons unterschiedlicher Größe gemischt gelagert werden. Zwei TGW-Regalbediengeräte vom Typ Stratus mit jeweils zwei Twister-Lastaufnahmemitteln versorgen das zehn Meter hohe und doppelttief ausgelegte Fachbodenlager. Dieses Lager dient einerseits als Nachschublager für die Kleinteilekommissionierung, andererseits werden Ganzkartons direkt aus diesem Lagerblock kommissioniert und über die Fördertechnik weiter in den Versand geleitet. Für besonders hochwertige Gitarren, die im Verkauf oft einen Wert von 10.000 bis 20.000 Euro erreichen, wünschte sich das Music Store Team eine Sonderbehandlung im System. TGW realisierte diese Spezialanforderung mit einer Sonderaufgabe, an der auch bis zu 1.200 Millimeter lange Pakete in das automatische Kartonlager eingebracht werden können.

Kommissionierung per Pick-by-Light
Die Kleinteilekommissionierung erfolgt an Pick-by-Light-Arbeitsplätzen, die von den sechs TGW-Commissioner Lagerautomaten mit Ware versorgt werden. Nach dem Kommissioniervorgang gelangen diese Quellbehälter wieder automatisch in das Lager zurück. Über Pick-by-Light-Anzeigen erhalten die Mitarbeiter ihre Kommissionier-Anweisungen. Gepickt wird aus den Lagerbehältern direkt in Auftragskartons, die vom zentralen Auftragsstart kommend, vor der Kleinteilekommissionierung bereits die manuellen Durchlaufregale passiert haben. Der kleinste dieser Auftragskartons misst gerade einmal 250 Millimeter, während der größte Karton 1.300 Millimeter lang und z.B. für den Versand einer Gitarre vorgesehen ist. Fertig kommissionierte Kartons gelangen aus dem Kommissionierbereich im Obergeschoß über das Fördersystem wieder ins Erdgeschoß, wo die Verpackung und der Versand angesiedelt sind. "Es werden hier aber nicht nur die Waren für den Versand kommissioniert", so Kratky, "auch Kundenabholungen laufen über das gleiche System. Diese fahren dann aber nicht über eine der drei Packlinien, sondern gehen direkt über eine separate Förderstrecke bis in die Warenausgabe des Einzelhandelsgeschäftes am anderen Gebäudeende." Wenn es einen Auftrag aus dem Laden gibt, so wird dieser vom ERP-System priorisiert und übergeordnet kommissioniert, damit die Ware möglichst schon zur Abholung bereitliegt, wenn der Kunde an der Kasse zahlt. Für den Versand werden die Kartons an einer von drei Packlinien fertig verpackt und verschlossen, bevor sie das Versandetikett aufgeklebt bekommen. Anschließend geht es direkt an die Laderampen, wo die Pakete über Teleskopförderbänder in die bereits wartenden Ladebrücken der Paketdienstleister verladen werden. Daneben gibt es auch Ware, die über den Speditionsversand verschickt wird. Alle Waren, die zu Sperrgut zählen, gehen im Speditionsversand aus dem Lager, so zum Beispiel Digitalpianos oder Traversen, die bis zu vier Meter lang sind.

Reduktion der Umlagerungsprozesse
Rund sieben Millionen Euro investierte Music Store in die neue Logistik und erwartet sich einen dementsprechend hohen Nutzen, insbesondere durch den Wegfall der innerbetrieblichen Umlagerungsprozesse, die mehrere Lagerstandorte mit sich bringen. Durch die Zentralisierung wird es möglich, dass die Ware nur einmal angefasst werden muss und immer sofort verfügbar ist. Darüber hinaus wird durch das neue System die Versandgeschwindigkeit erhöht und die Fehlerquote gesenkt. Der Neubau wurde aber nicht etwa auf die aktuellen Durchsatzzahlen ausgelegt. Wenn das Wachstum von Music Store so weitergeht wie in den letzten Jahren sollte das System zumindest die nächsten drei Jahre mühelos bewältigen. Und auch darüber hinaus wurde bereits in der Planung mit Erweiterungsflächen und ¿szenarien vorgesorgt. Mit dem neuen Logistikzentrum hat Music Store jetzt auch wieder die Möglichkeit, sein Artikelsortiment zu erweitern. Während man im alten Zentrallager bremsen musste, weil keine Ressourcen verfügbar waren, können nun wieder neue Segmente dazu genommen werden, um alle relevanten Bereiche vollwertig abzudecken. Und vollwertig heißt für Music Store, dass nicht nur Topseller auf Lager liegen, sondern auch Exoten, die gelegentlich auch drei oder vier Monate im Lager verbringen, bevor sie gekauft werden. bw

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