Interview

Maschinenbediener werden zu Anlagenmanagern

Schunk steht für präzises Greifen und sicheres Halten – aber pure Greif- und Spanntechnik allein ist es längst nicht mehr, was das Unternehmen in Lauffen am Neckar an- und umtreibt.

Henrik A. Schunk, Geschäftsführender Gesellschafter Schunk, Lauffen/Neckar. (Foto: Schunk)

Im Fortschrittsgalopp der Digitalisierung hin zur Produktion der Zukunft hat sich der Horizont der herkömmlichen Montage- und Handhabungstechnik weit geöffnet. Mit Henrik A. Schunk, einem der drei geschäftsführenden Gesellschafter des Familienunternehmens, unterhielt sich handling-Chefredakteurin Petra Born.

Herr Schunk, ein Roboter in der industriellen Fertigung ist ohne für die jeweilige Anwendung passenden Endeffektor ein praktisch wertloser Apparat. Die Robotik boomt – und mit ihr der Bedarf an neuen Greifern. Schunk kann sich zurücklehnen, oder?
Schunk: Von Zurücklehnen kann bei Schunk keine Rede sein. Der Boom der Robotik ist mit einer bis dato nie dagewesenen Dynamik bei der Entwicklung von End-of-Arm-Tools verbunden. In der Greiftechnik ist unser Modulprogramm mittlerweile auf über 4.000 Standardkomponenten angewachsen, allein das mechatronische Greifspektrum umfasst bereits mehr als 300 Komponenten. Die Digitalisierung im Zuge der Industrie 4.0, die Mechatronisierung von Montage- und Handhabungssystemen, der Trend zur Mensch-Roboter-Kooperation und nicht zuletzt die rasante Expansion der Robotik in neue Anwendungsfelder bringen eine Vielzahl neuer Anforderungen mit sich. Dabei gibt es unterschiedlichste Strömungen und Motivationen: So fordern vor allem die Automobilindustrie und viele andere die Kollaboration von Mensch und Roboter. Dabei steht neben der Optimierung der Produktionsabläufe das Thema „Safety“ im Vordergrund, sprich: der Zaun muss weg. Im Zuge der Industrie 4.0 gibt es den Trend zur Mechatronisierung als Voraussetzung für Sensitivität und Kommunikation. Und schließlich, was nicht vergessen werden darf und vielfach unterschätzt wird: Es gibt auch einen Trend zu intelligenten Pneumatiklösungen.

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Wie richten Sie Ihre eigenen Produktionsprozesse hinsichtlich der Erfordernisse Digitalisierung, Vernetzung und Flexibilisierung aus?
Schunk: Grundsätzlich gilt, dass die Produktion immer ein Abbild des Portfolios ist. Sie darf also nie isoliert betrachtet werden. Wenn wir über Prozesse oder Prozess-entwicklungen im Rahmen von Industrie 4.0 sprechen, muss daher unterschieden werden zwischen Rennerprodukten, die in großen Stückzahlen nachgefragt werden, und Produkten, die aufgrund der Marktanforderungen in sehr hoher Varianz hergestellt werden müssen. Bestes Beispiel ist unsere Spannbackenproduktion. Bei hohen Stückzahlen achten wir auf die beste Anlagennutzung und Gesamtanlageneffektivität, sprich: Wir werden uns auch künftig für eine starr verkettete Linie entscheiden. Bei individualisierten Backen in kleinen Stückzahlen hingegen nutzen wir eine flexible Produktion mit einer intelligenten Verkettung. Diese ermöglicht es, kleine Losgrößen individuell und schnell durch die Fertigung zu schleusen. In diesem Zusammenhang spielen unsere Schnellwechselsysteme für schnelle und automatisierte Rüstprozesse eine zentrale Rolle, denn sie ermöglichen eine hochflexible Nutzung der eingesetzten Roboter. Industrie 4.0 bietet darüber hinaus aber auch die Chance, Geschäftsprozesse weiterzuentwickeln. Bestes Beispiel ist der 3D-Finger-Designer-Schunk eGRIP. Das intelligente Onlinetool hat das Potenzial, den Produktionsprozess von individuellen Greiferfingern zu revolutionieren, erst recht seitdem es möglich ist, neben additiv gefertigten Fingern aus Polyamid nun auch Finger aus Alu und Edelstahl zu bestellen.

Weiche Hülle mit intelligentem Kern: Den Co-act Gripper JL1 hat Schunk als Meilenstein auf dem Weg zur Mensch-Roboter-Kooperation präsentiert. (Foto: Schunk)

Was sagen Ihre Mitarbeiter dazu?
Schunk: In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir an unseren Standorten in Lauffen, Brackenheim-Hausen und Mengen mehrere intelligente Anlagen in Betrieb genommen. Das Ergebnis ist ein Leuchten in den Augen der Mitarbeiter. Sie sind plötzlich nicht mehr an den Takt der Maschine gebunden, sondern führen die Maschine als Manager und kümmern sich um die Qualität und die Ausbringung. Das führt zu einer neuen Kultur in der Fabrik und macht der Mannschaft sichtlich Spaß.

Nutzen Sie bereits Assistenzsysteme in der eigenen Fertigung?
Schunk: Zur automatisierten Beladung vorhandener Maschinen nutzen wir beispielsweise in der Werkzeughalterfertigung flexibel einsetzbare, sensorüberwachte Handlingroboter, die ohne Schutzzaun arbeiten und den Werker von Routinetätigkeiten entlasten. Die Erfahrungen sind auch hier sehr positiv: Kein Mitarbeiter möchte mehr auf die Roboterhilfe verzichten, wenn er sie einmal kennengelernt hat. Ich bin sicher: Schon bald wird der Roboter in der Produktion so selbstverständlich sein wie der PC im Büro. Auch hier wünscht sich wohl niemand die Zeiten der Schreibmaschine und der Korrekturstreifen zurück.

In der Industrie dreht sich alles – freilich neben dem Stichwort Industrie 4.0 – um das Thema Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK). Hierfür haben Sie auf der Automatica den Co-act Gripper JL1 vorgestellt. Er sieht anders aus als bisherige Schunk-Greifer. Wie waren die Reaktionen auf das neue Produkt?
Schunk: Der Co-Act Gripper JL1 gehörte definitiv zu den Highlights der Automatica 2016. Der Technologieträger ist ein Meilenstein auf dem Weg zum kollaborativen, sicheren Greifen und zeigt, wohin die Reise geht. Es war beeindruckend zu sehen, mit welcher Neugier, Faszination und Begeisterung die Messebesucher und insbesondere auch die Hersteller kollaborativer Roboter unserem handzahmen und intelligenten Kraftpaket begegnet sind. Ich bin mir sicher: Der JL1 wirkt wie ein Katalysator und wird die Entwicklungsgeschwindigkeit im Bereich MRK deutlich erhöhen. Er macht im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar, was möglich ist.

Sie haben eine ganze Baureihe angekündigt – welche Branchen und Anwender sollen sich für den JL interessieren?
Schunk: Schwerpunkte sehen wir in der Kfz-Endmontage, in der Elektronikproduktion, in der Assistenzrobotik, aber auch bei der Beladung von Werkzeugmaschinen und in Prüfanwendungen. Dabei müssen Anwender gar nicht bis zur Serienreife warten, denn Schunk ist bereits heute in der Lage, individuell auf die jeweilige Anwendung abgestimmte MRK-Greifer als kundenspezifische Lösung zu liefern. Speziell dafür haben wir ein interdisziplinär zusammengesetztes Schunk-Co-act-Team gebildet, das sämtliche Kompetenzen rund ums kollaborative Greifen bündelt und eine schnelle technische Umsetzung ermöglicht.

Mit den Expert-Days on Service Robotics haben Sie eine vielbeachtete Plattform geschaffen, auf der Wissen und Projekterfahrung über Professionelle Servicerobotik Austausch findet. Gibt es Ihrer Erfahrung nach bei industriellen Anwendern stärkere Vorbehalte gegenüber diesen Assistenzsystemen als in anderen Branchen?
Schunk: Im Gegenteil: Wir nehmen eine starke Nachfrage aus dem Bereich Medizintechnikindustrie und Pharmazie wahr. Wir sehen, dass die Elektronikindustrie mit ganz konkreten, neuen Anforderungen kommt. Und nicht zuletzt die Automobilindustrie und der Werkzeugmaschinenbau beschäftigen sich aktiv mit den Einsatzmöglichkeiten von Assistenzsystemen. Dabei geht es nicht um einen humanoiden Mitarbeiterersatz, sondern um hocheffiziente Werkzeuge zur Produktionsautomatisierung. In den kommenden Jahren wird die Zahl robotergestützter Assistenzsysteme rasant steigen.

Roboter sind Maschinen – und bleiben das auch. Mit der weiteren Entwicklung von Systemen der Künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen rasanten Roboterentwicklung entsteht allerdings eine Art „Zwischenwesen“. Steht zu fürchten, dass die irgendwann die Kontrolle übernehmen?
Schunk: Wir sollten uns beim Blick auf die Robotik nicht von den Horrorszenarien der Film- und Unterhaltungsindustrie leiten lassen. Dafür birgt die digitale Revolution, die wir gegenwärtig erleben, viel zu viele Chancen. Wo wären wir heute ohne die Möglichkeiten der EDV, des Internets oder der Smartphones? Die modernen Technologien leisten einen wesentlichen Beitrag, um die Welt gerechter und friedlicher zu machen. Sie ermöglichen einen freien Zugang zu Wissen und verbinden über Grenzen hinweg. Und sie tragen dazu bei, dass wir unsere Gesundheit erhalten und immer länger leben. Ich will gar nicht ausblenden, dass mit jeder neuen Technologie auch Risiken verbunden sind, die wir im Blick behalten müssen. Und doch bin ich überzeugt, dass der Mensch in der Lage ist, diese Technologien auf Dauer zu beherrschen, auch wenn sie immer intelligenter werden.

Mechatronische Systeme in der industriellen Produktion nähern sich zunehmend den Funktionsweisen biologischer und natürlicher Vorgänge. Inwieweit schaut der Greif-und Spanntechnikspezialist Schunk bei seinen künftigen Entwicklungen der Natur auf die Finger?
Schunk: Das tun wir schon seit langem. Ich denke da nur an unsere humanoide Fünf-Fingerhand Schunk SVH, an die industrielle Drei-Fingerhand SDH oder an diverse Leichtbaulösungen, bei denen wir die Kompetenz der Natur genutzt haben. Die Aufgabenstellung der kommenden Jahre wird es sein, das weite Feld zwischen klassischen Parallel- und Zentrischgreifern auf der einen und der komplexen Fünf-Fingerhand auf der anderen Seite mit Produkten zu füllen, die intelligent, sensitiv und kommunikativ sind.

In der industriellen Fertigung sind Berufe bedroht, in denen Präzision und Routine von Bedeutung sind – hier sind die Roboter inzwischen den Menschen überlegen. Was sind Ihrer Meinung nach Berufsbilder der Zukunft in der modernen Produktion?
Schunk: Keine Frage: Wir stehen vor einer industriellen Revolution. Die umfassende Automatisierung und die Digitalisierung der industriellen Produktion und der Gesellschaft sind nicht mehr aufzuhalten. Den klassischen Werker, der tagein, tagaus eine Maschine mit immer gleichen Teilen belädt, wird es mittelfristig nicht mehr geben. Stattdessen werden Maschinenbediener sich immer mehr zu Anlagenmanagern entwickeln. Hinzu kommen Fachleute für Mechatronik und Informatik, aber auch Fertigungstechnologen, die es verstehen, die Möglichkeiten moderner Fertigungsverfahren vollumfänglich auszuschöpfen.

Wie finden Sie das Personal, das Sie benötigen?
Schunk: Ganz einfach: indem wir aus- und weiterbilden. Wir haben längst damit begonnen, unsere Mitarbeiter zu qualifizieren und fit zu machen für die Möglichkeiten der Digitalisierung. Zudem richten wir unser Ausbildungssystem konsequent auf die künftigen Anforderungen aus und wir kooperieren eng mit Hochschulen, um frühzeitig Kontakte zu potenziellen Leistungsträgern zu knüpfen.


Herr Schunk, besten Dank für das Gespräch!

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