Björn Milsch, OnRobot, im Interview

Annina Schopen,

„Cobots werden zum Standardinventar gehören“

Erst mit der richtigen Kombination aus Cobot, End-of-Arm-Tool und Software können Prozesse gewinnbringend automatisiert werden. Björn Milsch, General Manager für DACH & Benelux bei OnRobot, spricht im Interview über die Wettbewerbssituation am Greifer-Markt und die Anforderungen, um am Cobot-Markt zu bestehen, aber auch über die Lerneffekte, die die Corona-Krise mit sich bringt.

Björn Milsch, General Manager DACH & Benelux. © OnRobot

Herr Milsch, Home Office oder Büro, von wo arbeiten Sie gerade?
Auch ich arbeite aktuell im Home Office, von wo aus ich mich in vielen virtuellen Meetings mit meinem Team und unseren Kunden abstimme. Wenn es nötig und gewünscht ist, fahre ich auch mal ins Büro oder zu den Kunden – selbstverständlich unter Berücksichtigung der aktuellen Vorgaben und mit Desinfektionsmittel im Gepäck.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit Mitarbeitern, Partnern und Kunden über die Distanz?
Grundsätzlich bietet die direkte, persönliche Kommunikation mit Menschen vor Ort in meinen Augen immer die höchste Gesprächsqualität. Jedoch habe ich das Gefühl, dass die Leute sich mehr daran gewöhnen und authentischer kommunizieren, je länger und häufiger sie virtuelle Kanäle nutzen. So steigt der Wert dieser Art von Kommunikation permanent. Je näher das eingesetzte Tool dabei der persönlichen Kommunikation kommt, desto besser sind meinem Empfinden nach die Ergebnisse. Daher ziehe ich Videokonferenzen Telefonaten und E-Mails vor.

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Obwohl der virtuelle Austausch mit unseren Kunden sehr gut funktioniert, begegnet uns oft der Wunsch, unsere Applikationslösungen live erleben zu wollen. Egal, wie gut wir unsere Produkte virtuell präsentieren: Unsere Kunden wollen sie letztlich selbst anfassen, bedienen und testen. Daher haben wir uns entschlossen, unser Angebot an kostenlosen Leihstellungen deutlich zu verstärken, damit der Kunde sich selbst von den Vorteilen überzeugen kann. Das ist uns sehr wichtig, schließlich geht es am Ende um eine Lösung, die Hand in Hand mit den Menschen zusammenarbeiten soll.

Gibt es vielleicht auch Lerneffekte aus diesem Arbeiten in der Krise? Auch für die eigenen Produkte und Vernetzung?
Auf jeden Fall. Wir bemerken, dass insbesondere KMU aus der produzierenden Industrie derzeit verstärkt umdenken. Sie realisieren, welche großen Vorteile mit der Automatisierung durch kollaborative Robotik verbunden sind. Besonders attraktiv werden entsprechende Lösungen, wenn sie wie bei OnRobot einfach und intuitiv zu bedienen sind. Auch eine hohe Flexibilität macht entsprechende Tools für KMU erstrebenswert, denn dadurch ermöglichen sie Anwendern, ein und denselben Cobot für verschiedene Aufgaben einzusetzen. Darüber hinaus können unsere Lösungen mit extrem kurzen Rüstzeiten punkten, was Anwendern viel Zeit spart. Durch diese Eigenschaften ermöglichen unsere Tools Unternehmen, in noch kleineren Losgrößen bei höherer Produktvarianz profitabel zu produzieren. Ein ROI von drei bis zwölf Monaten macht die Investitionsentscheidung sehr leicht.

Sie haben kürzlich den Drei-Finger-Greifer vorgestellt. Wodurch zeichnet er sich aus? Was unterscheidet ihn?
Schön, dass Sie den 3FG15 erwähnen – das ist der erste Drei-Finger-Greifer, den wir auf den Markt gebracht haben. Und er hat einiges zu bieten: Dank seiner Konstruktion greift er zylindrische Werkstücke automatisch zentriert und besonders stabil. Damit eignet er sich ideal für die Maschinenbeschickung, insbesondere von CNC-Maschinen – speziell dafür haben wir ihn konzipiert. Mit einer Greifkraft von bis zu 240 Newton und einer Spannweite bis 150 Millimeter hebt er problemlos bis zu 15 Kilogramm. Die Bandbreite an Werkstücken, die Anwender damit handhaben können, ist also wirklich groß. Das kommt Anwendern gerade bei der eben schon genannten CNC-Beschickung zupass, denn dort können sie nun einen einzigen Greifer für das Handling ganz unterschiedlicher Werkstücke nutzen. Mit Blick auf seine hohe Traglast ist er zudem sehr platzsparend und fügt sich unkompliziert in bestehende Fertigungsumgebungen ein. Das ist gerade bei der direkten Kollaboration mit dem Menschen sehr wichtig, denn die müssen in der Regel schließlich auch noch an die Maschine kommen – sperrige Schutzzäune würden da nur stören.

Der Soft Gripper kann mit seinen flexiblen Silikonaufsätzen auch in der Lebensmittelbranche eingesetzt werden. © OnRobot

Daneben haben Sie ja auch einen Soft Gripper auf den Markt gebracht. Welche Vorteile haben Anwender davon?
Mit dem Soft Gripper stoßen wir in neue Marktsegmente vor, denn mit diesem Tool können Anwender nun beispielsweise auch Lebensmittel automatisiert handhaben. Dafür ist der Greifer nach der europäischen Verordnung 1935/2004 zugelassen. Drei austauschbare Silikonaufsätze verleihen ihm die notwendige Sensibilität, um auch empfindliche Objekte zu fassen – zum Beispiel Schaumküsse, Eier oder aber auch Glühbirnen. Dieser Greifer zeigt, dass wir die kollaborative Automatisierung mit unseren Produkten in immer neue Anwendungsbereiche zu tragen. Wir wollen Anwender befähigen, Tätigkeiten zu automatisieren, bei denen dies bis vor kurzer Zeit noch undenkbar erschien, und mit unserem vielfältigen Portfolio an Tools für jedes Problem die richtige Lösung bieten.

„Die Innovationen im Bereich der Endeffektoren sind die nächste Herausforderung für kollaborative Robotik“, steht auf der OnRobot-Homepage. Welche Anforderungen müssen Applikationen erfüllen, um auf dem wachsenden Cobot-Markt wettbewerbsfähig zu bleiben?
Wir sind davon überzeugt, dass Cobots in zukünftigen Arbeitsumgebungen zum Standardinventar gehören werden. Sie werden sich dann als Gebrauchsgegenstände etabliert haben – auch in kleineren Fertigungsbetrieben, für die herkömmliche Industrieroboter zum Beispiel aufgrund der damit verbundenen Kosten, ihrer Größe und der komplexen Handhabung zuvor nicht infrage gekommen waren. Spätestens dann wird deutlich, dass kollaborative Automatisierung nur in Form ganzheitlicher Applikationen Mehrwert schafft: Erst die richtige Kombination aus Cobot, End-of-Arm-Tool und Software befähigt Anwender, Prozesse gewinnbringend zu automatisieren.

Die grundlegendste Anforderung an jede Applikation ist somit zunächst ihre Passung an die zu automatisierende Aufgabe. Und hier kommt wiederum das End-of-Arm-Tooling ins Spiel, das den Roboterarm überhaupt erst in die Lage versetzt, Tätigkeiten zu erledigen. Dieses sollte zum einen unkompliziert zu integrieren und leicht zu bedienen sein, sodass Anwender schnell und ohne zeitintensive Programmierung davon profitieren. Zum anderen sollte es sich leicht austauschen lassen und damit gewährleisten, dass Anwender ihre Cobots in kurzer Zeit für unterschiedliche Aufgaben umrüsten können. So kann ein und derselbe Roboterarm verschiedene Funktionen erfüllen, was den Anwender befähigt, flexibler zu produzieren. Das bedeutet zum Beispiel, dieser kann dann auch kleine Stückzahlen effizient herstellen und schnell auf Nachfrageschwankungen reagieren. Eine Applikation muss also flexibel, benutzerfreundlich und einfach zu integrieren sein, um Prozesse effizienter zu gestalten und Mitarbeiter dadurch wirklich zu entlasten.

Kollaborative Applikationen gehen dem Menschen direkt zur Hand und leisten unmittelbare Unterstützung. Komplexe Schutzzäune sind nach erfolgreicher Risikobeurteilung nicht mehr nötig. © OnRobot

Welche technologischen Trends zeichnen sich am Markt sonst ab?
Generell nehmen wir eine starke Entwicklung in Richtung individualisierte Produktion wahr, und diese dringt auf eine zunehmend anpassungsfähige Gestaltung der Automatisierungslösungen. Die Kundenwünsche werden immer einzigartiger, die Losgrößen kleiner. Um dennoch eine effiziente Produktion zu ermöglichen, müssen sich die Applikationen schnell für unterschiedliche Werkstücke und Stückzahlen umrüsten und sich individuell konfigurieren lassen. Auch wir entwickeln unsere Produkte so, dass Anwender sie möglichst einfach auf ihre spezifischen Anforderungen ausrichten können. Unser kompakter VGC10 beispielsweise verfügt über optionale Saugnäpfe sowie modifizierbare Adapterplatten, mit denen sich der Greifer je nach Anwendung und Werkstück optimal einstellen lässt. Und die Fingerspitzen von Greifern wie unserem RG2, RG6 oder 3FG15 lassen sich individuell anpassen.

Darüber hinaus ist der Markt geprägt von Fortschritten in Sachen Vision Systeme, die immer ausgeklügelter werden. Der Griff in die Kiste, also die Vereinzelung chaotisch angeordneter Objekte, rückt in immer greifbarere Nähe. Wenn dieser Prozess in der Breite automatisierbar wird, werden Unternehmen noch einmal massiv von den damit einhergehenden Effizienzsteigerungen profitieren.

Wie ist die Wettbewerbssituation am Greifermarkt, mit welchen Entwicklungen rechnen Sie?
Das End-of-Arm-Tooling differenziert sich immer stärker aus, die Einsatzmöglichkeiten kollaborativer Automatisierung weiten sich stetig. Es wird für die entsprechenden Anbieter immer wichtiger, eine hohe Kompatibilität mit den Cobots gängiger Hersteller zu gewährleisten, um eine einfache Integration in bestehende Produktionsumfelder zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund gilt es, Komplexität zu reduzieren – für den Nutzer sollen die Prozesse durch Automatisierung einfacher werden, nicht schwieriger. Wir wollen dies zum einen mit einer hohen Benutzerfreundlichkeit unserer Produkte sicherstellen. Zum anderen bemühen wir uns auch in Sachen Systemintegration um größtmögliche Einfachheit: Mit unserer One System Solution haben wir unsere mechanischen und technologischen Schnittstellen letztes Jahr umfassend vereinheitlicht. Alle unsere Tools sind nun mit den marktgängigen Herstellern tiefenkompatibel – beispielsweise Kuka, Hanwha Precision Machinery, ABB oder Fanuc. Zudem sind sie nun alle mit einem Werkzeugwechsler ausgestattet, sodass Anwender sie mit nur einem Handgriff austauschen können. Ich rechne damit, dass langfristig vor allem die Anbieter weiter erfolgreich sein werden, die ihren Kunden einfache und benutzerfreundliche Lösungen mit schnellem ROI bieten können. Denn nur sie ermöglichen einer ganz wichtigen Gruppe den Zugang zu den Vorteilen der kollaborativen Automatisierung, die ich vorhin bereits angesprochen habe: den KMU.

Sie sind jetzt seit etwa einem Jahr General Manager für DACH & Benelux bei OnRobot. Was ist für Sie das wichtigste, das Sie in dieser Zeit erreicht haben? Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Schon ein Jahr? Die Zeit bei OnRobot vergeht aufgrund des rasanten Wachstums und der vielseitigen Aufgaben wirklich schnell. Ich freue mich sehr, dass wir seit Beginn dieses Jahres unsere Kunden und Partner im Raum DACH/Benelux mit einem Team von neun hochqualifizierten und extrem motivierten Mitarbeitern betreuen und unterstützen können. Unsere Zahlen für 2019 zeigen, dass unser Teamwork zum Erfolg führt. Selbstverständlich will ich die Geschwindigkeit zusammen mit meinem Team auch in den nächsten Jahren beibehalten. Wir werden die Zahl unserer Partner über alle Robotermarken hinweg kontinuierlich ausbauen und unser Portfolio bis Ende 2020 noch erheblich erweitern. Dann werden wir etwa 90 Prozent aller aktuell existierenden Automatisierungsaufgaben abdecken, und Anwendern mit Fug und Recht versprechen können: „Egal für welchen Roboter, welche Industrie und welche Anwendung, bei OnRobot finden Sie das richtige Produkt.“ as

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