Verzahnungstechnik

Die Wälder-Tüftler

Im Gear-Valley dreht sich alles um Zahnräder
Wo der Winter früher und der Frühling später kommt als andernorts, leben die Menschen von der Industrie: Eisenbach, Zentrum des Gear-Valley im Hochschwarzwald. (Foto: Born)
Feinmechanik hat Tradition in Eisenbach. Tausend Meter über dem Meeresspiegel ist das Zahnrad, eines der bedeutendsten Maschinenelemente in der Welt der Mechanik, Mittelpunkt einer Gemeinde. Die Familie Morat hat hier Technikgeschichte geschrieben. Ein Besuch „auf dem hohen Wald“ zum 100. Geburtstag der Firma Franz Morat.

Wie man sich den Schwarzwald vorstellt, so ist er in Eisenbach: eine Landschaft zum Niederknien mit einer geradezu unwirklichen Ruhe, rührigen Wirtsleuten und einem Rathaus, in dem sich der Gast willkommen fühlt. Von dem unnachahmlichen, sympathischen Dialekt ganz zu schweigen. Eisenbach ist ein Ort wie aus dem Bilderbuch, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Dabei hat gerade sie, die Zeit, hier eine besondere Bedeutung. Denn in den Jahren nach 1700 begann in Eisenbach die Uhrenherstellung. Wer kennt ihn nicht – den naturgetreuen Kuckucksruf. Was Simon Dilger einst als Handwerk begann, wuchs zu einem blühenden Geschäft; die Ortschronik ist voll mit Namen von Uhrmachern und Uhrhändlern. Aber nicht nur: Jene, deren Metier das Metall ist, füllen das tausendseitige Werk nicht minder mit Erfolg und Geschichte – bis in die Gegenwart. Doch der Reihe nach.

Es begann mit „vorzüglichen Spindelbohrern“

Der Ort Eisenbach entstand durch die örtlichen Erzlagerstätten – Eisen und Mangan. Der Bergbau begann hier etwa um 1520. Es waren geologische Gründe und auch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, weshalb Eisenbach mit der Erzgewinnung nicht zu Reichtum gelangen konnte; mit den 1660er Jahren endete bereits die Zeit, in der das Bergwerk die Region bestimmte. Nachdem anschließend die Uhrmacherei aufgeblüht war, begründete Karl Morat (1811 bis 1882) in vorindustrieller Zeit eine neue Ära in Eisenbach: Der Mann war ein echter Wälder-Tüftler und baute Drehstühle, Zahnstühle und Spindelbohrnadeln. Die Schwarzwälder Uhrmacher schätzten ihn wegen seiner „vorzüglichen Spindelbohrer“, wie es in der Chronik heißt, denn sie benötigten diese Werkzeuge unbedingt für den Bau der Uhren, die damals noch vollständig aus Holz hergestellt waren, auch die kleinsten Zahnräder. Einer der acht Kinder Karl Morats war Johann (1838 bis 1904), der in seines Vaters Fußstapfen trat und ebenfalls Spindelbohrer, Drehbänke und vor allem Zahnräder baute. Er entstieg dem Tüftlerdasein mit der Gründung einer eigenen Firma im Jahr 1863, der IMS, und trug entscheidend dazu bei, dass die Uhrenfertigung im Schwarzwald konkurrenzfähig war. Er nutzte die Mühle von Eisenbach und ihr Wasserrad als Antrieb für seine Maschinen und errichtete 1893 an Ort und Stelle ein dreistöckiges Gebäude, das Stammhaus „auf dem Höchst“. Dieses Haus überdauerte alle folgende Zeit bis in die Gegenwart und wurde erst vor gut einem Jahr im Zuge einer Gebäudeerweiterung abgerissen.

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Auch Johann Morat hatte acht Kinder; vier seiner Söhne trugen den Unternehmensgedanken sowie das Wissen von Vater und Großvater über die Jahrhundertwende: Herrmann übernahm den Bereich Verzahnungstechnik der IMS, Josef war für den Maschinenbau zuständig. Die nach außen hin getrennte Taschenuhrenfabrik gründete Alois 1903. Und Franz (1876 bis 1953) beschloss eine eigene Fertigungsstätte und gründete schließlich 1912 die Franz Morat GmbH mit Sitz im Stammhaus. Hier begann nun eine bemerkenswerte technische und wirtschaftliche Entwicklung. Der Enkel des alten Wälder-Tüftlers fertigte Manometerwerke, Federlaufwerke, Zählwerke, Registrierwerke, Kontrollapparate, kleine Drehteile und verschiedene Zahnräder für die Uhrenindustrie. In den 50er-Jahren avancierte die Firma zum Verzahnungsspezialisten, in den 80er-Jahren resultierte daraus die Herstellung ganzer Antriebseinheiten. Der Getriebebau rückte zunehmend in den Fokus. Kunden aus allen Produktionsbereichen verbauen heute Maschinenemente aus dem Schwarzwalddorf – sogar im Weltall waren Getriebe aus Eisenbach: Als im Dezember 1983 das Spacelab mit der Raumfähre Columbia wohlbehalten von seiner Mission zur Erde zurückkehrte, war an Bord nicht nur der deutsche Astronaut Ulf Merbold, sondern auch eine Antriebseinheit aus dem Hause Morat; es verrichtete zuverlässigen Dienst bei einem Versuchsaufbau im Weltraumlabor.

Vollbeschäftigung mit Verzahnungstechnik

Der Sohn von Franz Morat, Franz Morat jun. (1911 bis 1986) übernahm nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges die Firma und übergab sie 1948 seinem Vetter Josef. Seine Geschäftsanteile vermachte Franz jun. seinen Kindern Gisela Brake-Morat und Franz Armin Morat. Dieser wiederum übergab seinen Part seinen Söhnen Daniel und Robert Morat und widmet sich selbst seither dem Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, eine Stiftung in Freiburg. Seit 2011 sind Robert Morat und Dr. Daniel alleinige Gesellschafter. 370 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, rund 500 Mitarbeiter sind es in der Franz-Morat-Gruppe insgesamt. Zwölf Unternehmen mit 1.600 Arbeitsplätzen gibt es in Eisenbach mit seinen 2.200 Einwohnern - alles dreht sich um das Thema Verzahnung. Vollbeschäftigung, wo andere Urlaub machen: Unmittelbar vor der Haustür liegen die schönsten Ski- und Wanderregionen, das Elsass, der Kaiserstuhl, Freiburg, der Titisee, der Schluchsee, die Alpen zum Greifen nahe. Ein Arbeitsplatz wie aus dem Bilderbuch. Petra Born

"Bei is uf daset Meter Höh´, do git es keine Bure meh, nu mager Feld un hintschig Vieh, mir lebe von d'Ìnduschtrie."
(Eisenbacher Spruch, aus der Heimatgeschichte von Eisenbach)

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