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Zur SacheDie Qualität der Zeit

Interview mit Sonia Bonfiglioli, Geschäftsführende Gesellschafterin der Bonfiglioli Riduttori in Lippo di Calderara di Reno / Bologna.
Zur Sache: Die Qualität der Zeit

handling: Sind technische Berufe in Italien immer noch eine Männerdomäne oder findet man hier schon viele Frauen? Wie häufig erreichen sie Führungspositionen?

Sonia Bonfiglioli: Wie überall in der Welt übernehmen Frauen mehr und mehr wichtige Jobs, auch im technischen Umfeld - obwohl es dort sicher ein größerer Kampf ist. Das trifft insbesondere auf die IT zu, aber sogar in der mechanischen Welt ist es nicht mehr ungewöhnlich, Frauen in Schlüsselpositionen zu finden, wenn sie nicht sogar ganze industrielle Gruppen führen. Oft entscheiden Frauen ganz von sich aus, nicht in technischen Jobs arbeiten zu wollen und gehen so bestimmten Tätigkeiten aus dem Weg - anstatt sich dem bestimmt größeren Aufwand zu stellen, in einer Männerwelt überleben zu müssen.


handling: Wie hoch ist der Frauenanteil in Ihrer eigenen Firma?

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Sonia Bonfiglioli: Der internationale Durchschnitt in den Standorten liegt bei ungefähr zehn Prozent. Natürlich ändert sich dieser Prozentsatz von einer Produktions- und Vertriebseinheit zur nächsten, abhängig vom Ort der Niederlassung und dort ausgeübten Haupttätigkeiten, sei es Vertrieb oder Produktion.

handling: Ihre Firma hat zahlreiche Niederlassungen im Ausland. Wie ist die Situation in den USA, Deutschland, Indien?

Sonia Bonfiglioli: In den USA sind es zehn Prozent, beschäftigt in Vertrieb und Montage, in Deutschland 18 Prozent im Vertrieb, Indien fünf Prozent – hauptsächlich Produktion.

handling: Erleben Frauen das Berufsleben anders als Männer?

Sonia Bonfiglioli: Das hängt vom emotionalen Investment ab, die jedes Individuum in seine Arbeit einsetzt. Ich glaube, dass einige Menschen – Männer wie Frauen – Arbeit als Eckpfeiler ihres Lebens betrachten, während andere sich andere Ziele setzen. Ich meine, dass die Art und Weise, wie man sein Berufsleben erlebt, nicht vom Geschlecht abhängt, sondern wo man die Arbeit auf seiner persönlichen Werteskala platziert.

handling: Mit welchen Charakteren arbeiten Sie gern zusammen?

Sonia Bonfiglioli: In meinem Tagesgeschäft ändert sich meine generelle Art zu arbeiten und meine Beziehung zu Frauen und Männern nie. Wir sind Profis, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiten; deshalb habe ich keine Präferenzen. Das einzige, worauf ich Wert lege ist, dass sich die Beziehungen auf beiderseitiger Wertschätzung gründen. Dieser Aspekt ist wichtiger als das Geschlecht.

handling: Haben Frauen einen anderen Führungsstil als Männer? Worin bestehen Unterschiede?

Sonia Bonfiglioli: Die Unterschiede in der Art, wie Menschen ihre Führungsrollen ausleben, sind bei Frauen und Männern generell sehr ähnlich, insbesondere im technischen Bereich. Wo sie sich unterscheiden sind a) die Fähigkeit zu vermitteln, b) stets auf dem Boden zu bleiben und c) den Wert guter zwischenmenschlicher Beziehungen nicht zu vergessen – was Frauen als Basis für ein erfolgsversprechendes Team ansehen. Ich bin sicher, dass es Frauen als sehr einfach empfinden, in einem Team zu arbeiten und sich gleichzeitig in einer sehr entschlossenen Weise auf ihre Ziele zu konzentrieren.

handling: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Führen von Frauen und von Männern gemacht?

Sonia Bonfiglioli: Manchmal ist es schwieriger, eine reine Frauengruppe zu formen, auch wenn diese dann einen sehr starken Zusammenhalt hat. Mit Männern ist das einfacher: Wenn man ihr Vertrauen einmal gewonnen hat, in dem man ihnen gezeigt hat, was man kann, dann schauen sie zu einem hoch ohne irgendwelche Probleme.

handling: Haben es Frauen schwerer, von Kunden akzeptiert zu werden?

Sonia Bonfiglioli: Kunden in unserer Branche sind sicherlich eher an den Umgang mit Männern gewöhnt. Deshalb ist es möglich, dass Frauen zu Anfang mit einem gewissen Maß an Skepsis betrachtet werden. Haben sie aber erst einmal ihre Fähigkeiten gezeigt, erwächst eine Neugier zu sehen, ob eine Frau auch dazu fähig ist, Dinge zu tun, die in einer Männerwelt die Anerkennung finden, die auf Dauer den Unterschied machen. Am Ende macht es allerdings überhaupt keinen Unterschied, ob Du ein Mann oder eine Frau bist. Professionalität und Pflichtgefühl sind die Dinge, die zählen.

handling: Hatten Sie im Arbeitsleben besondere Erlebnisse?

Sonia Bonfiglioli: Ich erinnere mich mit großer Freude an eine Betriebsvereinbarung mit italienischen Arbeitern, bei der Bonfiglioli zustimmte, 41 für 36 real gearbeitete Stunden zu bezahlen. Damit wurde eine wesentlich höhere Produktivität erreicht, und sie brachte den Mitarbeitern mehr Freizeit durch die Organisation der Produktion in drei Schichten. Das war etwas absolut Neues in der Branche und erlaubte uns, in Italien einen neuen Weg im Unternehmensmanagement zu wagen – zumindest was die Arbeitszeiten angeht.

handling: Wie steht es um die Akzeptanz durch Mitarbeiter?

Sonia Bonfiglioli: Meine Beziehung zu meinen Mitarbeitern ist im allgemeinen gut. Ich hatte die Möglichkeit, positive Beziehungen auf verschiedenen Ebenen zu entwickeln. Das hat damit zu tun, dass ich mein Arbeitsleben an den Montagebahnen im Werk begonnen habe und so weiß, mich in die Lage derer zu versetzen, die sich im Herzen des Unternehmens mit echter Hingabe einsetzen. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit mit meinen Managern habe ich es geschafft, eine verschworene Gruppe zu bilden. Es ist mir möglich, mit ihnen gemeinsam tagtäglich die wichtigen Entscheidungen für das Unternehmen zu treffen.

handling: Die Italiener sind als kinderfreundliches Volk bekannt. Wie stehen Sie zur Vereinbarkeit von Beruf und Kindern?
Sonia Bonfiglioli: Ich habe zwei kleine Kinder, die mir sehr wichtig sind. Immer wenn ich mich von der Arbeit losreißen kann, versuche ich, die Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich glaube an die Qualität der Zeit, die man mit seinen Kindern verbringt. Um wirklich mit ihnen zusammen sein zu können, muss man ihre Bedürfnisse treffen und versuchen, ein Vorbild zu sein. Wenn ich zu Hause bin, setze ich sie nicht vor den Fernseher oder an Videospiele, sondern ich spiele mit ihnen. Ich frage sie nach ihren täglichen Erlebnissen und erzähle ihnen ebenfalls so viel wie möglich über das, was ich tue, und zwar in einer Art, wie sie es verstehen. Was mich angeht meine ich, dass dies der beste Weg ist, gleichzeitig Mutter zu sein und im Arbeitsleben zu stehen. Ich glaube, das Problem ist das gleiche für alle Frauen, die bei Bonfiglioli arbeiten: Zu versuchen, das Bestmögliche aus der Zeit zu machen, die man mit seinen Kindern verbringen kann.

handling: Gibt es Unterstützung für Mitarbeiter/innen mit Kindern durch die Firma?
Sonia Bonfiglioli: In allen Ländern, in denen wir aktiv sind, beachtet Bonfiglioli die lokalen Normen, die die persönlichen und familiären Bedürfnisse von Frauen regeln, vor allem dann, wenn sie ein Kind erwarten. Interne Vereinbarungen zur Unterstützung und Hilfe für weibliche Mitarbeiter finden ebenfalls Anwendung, etwa durch das Angebot von Teilzeitarbeit oder speziellen Freistellungen.
Das Gespräch führte Gunthart Mau.

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