Zum Tod Paul E. SchallsDer Macher ist gegangen

Nicht mit dem Kopf durch die Wand – aber gegen den Strom, abseits des Mainstream, und das mit aller Entschlossenheit. Paul Eberhard Schall redete niemandem gefällig nach dem Munde, hängte sein Fähnchen nicht in den Wind, schon gar nicht ließ er sich einschüchtern, erst recht nicht von Verbänden. Ein David gegen die Goliaths diverser Branchen – es hat ihn viel Kraft und Mühe gekostet, aber am Ende gab ihm seine Strategie Recht: Beharrlichkeit, Geradlinigkeit, Verantwortlichkeit, Pragmatismus. Und die Erkenntnis, die sich im Leben oft bestätigt: Wenn sich irgendwo ein Ende auftut, ein Aus, ein Bruch, eine Zäsur, öffnen sich neue Türen, neue Möglichkeiten, neue Wege, besser und aussichtsreicher, als je gedacht.

Paul E. Schall

Paul Eberhard Schall wurde im Februar 1939 am Fuße der Burg Hohenneuffen geboren, im Ort Neuffen, als eines von sechs Kindern der Eltern Emma und Paul. Die Mutter stammte aus dem Allgäu, eine bescheidene, warmherzige und anpackende Frau, die den immer größer werdenden Haushalt mit starker Hand führte. Der Vater, ein gebürtiger Neuffener aus bäuerlicher Wirtschaft, der früh in Haus und Hof mitarbeiten musste, von Technik fasziniert und gelernter Mechaniker, geprägt durch Glauben und Spiritualität, die allerdings in einen kompromisslosen religiösen Dogmatismus mündete, wie Paul Eberhard Schall sich erinnerte: „Unsere Kindheit und Jugend wurde davon stark überschattet.“

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Er begann seinen Weg ohne „Reisegepäck“

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Härte war also der prägende Rahmen für Kindheit und Jugend Paul Eberhard Schalls. Krieg und Nachkriegszeit, eine Großfamilie, wenig Raum für Individualität und Zuwendung, Zucht und Strenge, „Rohrstock und Gebet“, so resümierte er selbst. Weltliche Vergnügungen, Freiheitssinn, sogar Tanzen: „Für uns tabu.“ Die liebevolle Mutter gab ihm stabilen Halt, indes machte der Vater Druck und spornte ihn zu Leistung und Erfolg an. Das ist in den Lebenserinnerungen Paul Eberhard Schalls zu lesen, die er mit dem Titel „Messe-Macher, Hecht im Karpfenteich“ überschrieb. Ein selbstkritisches, nachdenkliches Buch, in dem er bemerkenswert offen und schonungslos mit sich selbst seinen Weg nachzeichnet. Er brach auf „ohne Reisegepäck“, wie er es nannte: Eine höhere Schule kam für die Familie aus finanziellen Gründen nicht in Frage, so begann Paul Eberhard Schall im Mai 1954 als Mechaniker-Lehrling bei Metabo in Nürtingen. Der Vater hatte das so bestimmt, und dem Sohn machte die Arbeit Spaß. „Diese Lehre war kein schlechter Start für mich.“ Der Senior unterdessen hatte daheim in der Scheune ein eigenes Maschinenbauunternehmen gegründet, Pescha hieß es, hier entstanden Bohrmaschinen, Stanzmaschinen und Kaschiermaschinen für die Papierbearbeitung. Schwäbische Wertarbeit. Nach der Gesellenprüfung fing der Sohn hier als einfacher Werkzeugbauer an, eingebunden in die gewachsenen und festen Strukturen und Abläufe. Gestaltungspielräume und Entwicklungsmöglichkeiten: null. Durch seine Eigenwilligkeit überwarf sich Paul Eberhard Schall mit dem Meister, der schmiss hin, worauf der Vater den Sohn zum stellvertretenden Meister machte. Es lässt sich gut vorstellen, wie sich der Zwanzigjährige in die Arbeit stürzte, alles gab, sich verausgab: Bald rebellierte sein Körper, die Gesundheit streikte. Da setzte das Nachdenken ein – und die Erkenntnis: „Mir fehlte das Rüstzeug, ich erkannte meine Defizite.“ Er wollte raus, raus in die Welt, Wissen sammeln, Sprachen lernen, was anderes sehen und erleben als die Enge in und um Neuffen. Der Vater reagierte auf diese Sehnsucht des Sohnes hart – er setzte ihn kurzerhand vor die Tür. Das erste große Aus – mit einundzwanzig Jahren. Keine Habe, keine Arbeit, keine Perspektive – die Katastrophe einerseits, eine Chance andererseits. Der Vater, der aus seiner eigenen Enge nicht auszubrechen vermochte, muss aber gewusst haben, was im Sohn steckt; hinter der äußeren Kompromisslosigkeit verbarg sich doch Herzensbildung. Er bot dem Sohn an, auf Provisionsbasis die Pescha-Maschinen in Baden-Württemberg zu verkaufen.

Verkäufer des Jahres – ohne Verkäufertraining

Bis hierher hatte Paul Eberhard Schall „nur“ mit seinen Händen gearbeitet, fortan war seine Persönlichkeit gefragt. Er startete in die Selbständigkeit zwar mit leeren Händen, aber der Kopf steckte voller Ideen und Tatendrang: „Verkaufen, verkaufen, verkaufen: Das als Paul Schall jun. Grafische Maschinen am 1. Februar 1962 in Neuffen gegründete Unternehmen nahm Fahrt auf.“ Der junge Unternehmer reiste mit Druckmaschinen durch die Gegend, entwickelte Ideen, löste beim Kunden Visionen aus, setzte sie mit Kreativität und Phantasie um. Obwohl er nie ein Verkäufertraining absolviert hat – „solche Extravaganzen konnte ich mir nicht leisten“ – wurde Paul Eberhard Schall als „Verkäufer des Jahres“ ausgezeichnet. Eine Messe als ideale Verkaufsplattform – jetzt keimte ein neuer Gedanke und war als großes Ziel nicht mehr aufzuhalten, obwohl „den Nobody keiner ernst nahm.“ Mit 15 Handelshäusern startete Paul Eberhard Schall 1962 die MOGRAMA – Fachausstellung Moderne grafische Maschinen. Die erste Schall-Messe war geboren. „Ich hatte sofort mein Herz an das Messegeschäft verloren.“ Paul Eberhard Schall hatte seinen Platz gefunden, sein Identifikationsthema, seinen Lebensinhalt, seine Leidenschaft. Als Messemacher war er Held, Clown, Rebell, Opfer. Meist alles zugleich. Von ganz oben nach ganz unten und wieder zurück. Er bekam Beifall und Verrisse, wurde beklatscht und ausgepfiffen. Emotional das volle Programm. Und auch wirtschaftlich zuweilen eine rasante Achterbahnfahrt. Insgesamt das pralle Leben – erbarmungsloser Zeitdruck, permanente Anspannung, unregelmäßiges Essen, lange Nächte, viel Alkohol. Die ganze Messe eine Party. Ein ungesundes Leben. Die Siebzigerjahre brachten für Paul Eberhard Schall den Durchbruch in der Messewelt – er wurde zum jüngsten privaten Messeveranstalter der Bundesrepublik. Mit vierzig Jahren hatte er alles erreicht, was er sich erträumt hatte. Er unterließ nichts, um die Welt aus den Angeln zu heben – „eine sehr erfolgreiche, bunte und kreative Zeit“. Überschwänglich, mitreißend, begeisternd. „Was kostet die Welt?“ war für Paul Eberhard Schall nur eine rein rhetorische Frage, denn er fühlte sich geradezu „unbesiegbar“, vor allem durch den Erfolg seiner FAMETA, der Internationalen Fachmesse für Metallbearbeitungsmaschinen, die damals auf dem Stuttgarter Killesberg die gesamte Branche auf den Kopf stellte.

Ein Mann mit Narben, Blessuren – und zwei Leidenschaften

Paul Eberhard Schall gab Vollgas. Cabrios, heiße Öfen, Erotica, Kunsthandwerk, Geländewagen, Motor – die Liste der Messethemen ist lang. Sinsheim geriet zur Spielwiese, zum Experimentierfeld, zur Event-Oase. Schall mittendrin, und er lebte sein Hobby aus: „Man sagt mir einen Auto-Tick nach“, räumte er selbst ein. „Nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Ausdruck eines Lebensgefühls, der Freiheit, Unabhängigkeit“, schrieb er. Er liebte Oldtimer, und wenn die Überlieferung stimmt, gehörte ihm sogar das Nitribit-Cabrio aus den Fünfzigerjahren.

Vergnügen, Luxus, viele schöne Karossen: ja. Aber Paul Eberhard Schall hat das pralle Füllhorn teuer bezahlt. Durchgemachte Höhen und Krisen gingen ihm buchstäblich an die Niere – nach einer Erkrankung in jungen Jahren war ihm nur noch eine verblieben, und die quittierte ihren Dienst, als er 60 Jahre alt war. 2004 erfolgte schließlich die Transplantation. Paul Eberhard Schall war ein Mann mit Narben, Blessuren, gezeichnet von einem turbulenten, Kräfte raubenden Weg. Erst mit der vierten Ehe kehrte bei dem vierfachen Vater das persönliche Glück ein; mit seiner Frau Bettina startete er noch einmal durch – anders. Er kam zur Ruhe und zu sich selbst: auf Reisen, im Garten, beim Kochen und bei seiner Orchideenzucht.

Die Maschinenbauer – und nicht nur die – haben ihm viel zu verdanken

Ab 2007 hat Paul Eberhard Schall das komplette Messeprogramm von Sinsheim in die Neue Messe Stuttgart verlagert. Davon profitierte auch die Motek, die einst 1989 mit 192 Ausstellern startete und nun zusammen mit der Bondexpo die Tausender-Marke längst geknackt hat. Paul Eberhard Schall hat den nationalen und internationalen Messekalender nachhaltig geprägt. Die Maschinenbauer – und nicht nur die – haben ihm viel zu verdanken. Er war kein Mann der großen Worte – er packte lieber an, er war ein Macher, ein Messemacher wie kein Zweiter – aber sein Wort galt. „Schaffet“ – das war sein Leben. Sein Werk verdient alle Achtung und hohen Respekt. Uns Fachjournalisten begegnete er auf Augenhöhe und zuvorkommend, ja mit Wertschätzung – und die gebührt uneingeschränkt auch ihm. Nun steht sein Motor für immer still, seine Messe ist für immer geschlossen. Am Fuße der Burg Hohenneuffen, in seiner Heimat, der er so sehr verbunden war, ist Paul Eberhard Schall am 19. Februar 2016 kurz vor Vollendung seines 77. Lebensjahres gestorben. Petra Born

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